„Die Macht der Bilder“ – Wie erotic-sites und Pornos sich in unsere Liebesbeziehungen schleichen – eines der Topthemen in Sexualberatung und Sexualtherapie

Arnold rief mich aus dem LKW an: „Frau Jurgelucks, wir brauchen Ihre Hilfe. Bitte erklären Sie meiner Frau, dass es heutzutage ganz normal für Männer ist, Pornos zu schauen. Sie behauptet, ich sei süchtig, und wenn ich nichts tue, will sie die Scheidung!“

Eine gute Woche später traf ich die beiden zum Erstgespräch in meiner Praxis. Ich erfuhr, dass sie schon einige Jahre verheiratet waren, etliche Krisen miteinander gemeistert hatten, die Ehe aber jetzt zu scheitern drohte. Die Spannung im Raum war deutlich.

So begann ich mein Erstgespräch, wie ich es so oft tue: Ich versuche ersteinmal vorbehaltlos zu ergründen und zu begreifen, wie sich das Problem darstellt. Aus meiner Praxis weiß ich, dass Ehepartner manchmal zu schnell dazu neigen, sich als sexsüchtig zu bezeichnen. In der Regel aus Hilflosigkeit oder auch mit dem Wunsch verbunden, vom Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

So war es aber in diesem Fall nicht. Arnold beschäftigte sich täglich damit, nicht nur Filme zu schauen, sondern auch neue Inspirationen zu finden, diese aus dem Internet herunterzuladen und auf diversen Endgeräten zu speichern. Er nannte eine stattliche Anzahl von Filmen sein eigen und erinnerte mich in seiner Schilderung an die Begeisterung eines Sammlers für seine Liebhaberobjekte.
Während er erzählte, wurde deutlich, dass er selbst überhaupt kein Problem sah und sich definitiv nicht ald süchtig fdefinierte. Schließlich schaue er ja nicht immer Pornos.

Ich befragte seine Frau: „Jeden Tag sitzt er stundenlang, manchmal sagt er, dass er etwas zu arbeiten hätte, aber statt dessen ist er wieder auf der Jagd. Er kümmert sich gar nicht mehr um mich und die Familie.“ Auch ihr gemeinsames erotisches Leben laufe auf Sparflamme. Sie schliefen nicht mehr häufig miteinander, es sei nicht mehr schön, sondern sehr mechanisch geworden. Sie sei verzweifelt. Sie könne ihn nicht dazu bewegen, seinen Pornokonsum einzuschränken. Er bagatellisiere alles, er versuche seine fragliche Unabhängigkeit zu beweisen, indem er auch mal nicht schaue. Aber das nütze nichts. Sie merke genau, dass er in Gedanken mit den Pornos beschäftigt sei.

Arnold wirkt bedrückt, während er seiner Frau zuhört. Er liebe sie, aber er nutze die Filme und Bilder zur Entspannung, und er möchte nicht darauf verzichten. Ich frage ihn, wie es ihm gehe, wenn er keine Pornos schaue. Er zuckt mit den Schultern, er habe es noch nie wirklich probiert. Ob er sich vorstellen könne, mal eine zweiwöchige Pause zu machen? Arnold ist nicht begeistert.

Da ich ihn für eine Zusammenarbeit gewinnen möchte, insistiere ich nicht, sondern frage weiter nach seinen Gewohnheiten in Bezug auf die Nutzung entsprechender sites. Arnold erzählt, dass er schon als Jugendlicher damit begonnen habe. Angefangen habe es mit einem Heftchen, das er bei seinem Vater gefunden habe. Er sei damals spontan so davon erregt worden, dass er unmittelbar mastubiert habe. Seit dieser Zeit sei er auf der Suche nach erregenden Bildern, deshalb seine gewaltige Sammlung an Nacktbildern und Pornofilmen. Er nutze sie, um sich zu erregen und schneller zum Orgasmus zu kommen.
Ich frage ihn, wie er seinen Orgasmus erlebt. Aus mittlerweile häufigen Männererzählungen weiß ich, dass der Genuss auf diese Weise oft begrenzt bleibt und kaum Befriedigung und Erfüllung bringt. Arnold bestätigt auch dieses. Erfüllt sei er nicht, manchmal fühle er sich eher leer, dann mache er es gleich nochmal. Aber eigentlich sei es nicht so ein Genuss, wie mit seiner Frau zu schlafen. Warum er es denn nicht häufiger mit seiner Frau mache, möchte ich von ihm wissen. Er findet erstmal keine Antwort. „Ja, warum eigentlich nicht?“

„Du hast nie Lust, Du bist immer müde. Und wenn wir es machen, dann willst Du ganz schnell zur Sache kommen. Du willst mich nicht streicheln, nur schnell rein und schnell fertig sein. Ich fühle mich gar nicht mehr geliebt und begehrt!“  Und zu mir gewendet: „Ich habe sogar Analverkehr probiert, weil er es unbedingt wollte. Er will immer nur von hinten. Ich habe ja gar nichts dagegen, wenn es mal ist, aber doch nicht immer! Ich will angeschaut werden, und ich will küssen.“

Arnold hört nachdenklich zu: Ja, sein Sex habe sich verändert, er sei oft müde, es sei ihm anstrengend, sich um seine Frau zu bemühen, obwohl er sie sehr liebe. Auch der Sex sei nicht immer erregend genug, deshalb wolle er Analverkehr. Vielleicht sei es doch eine gute Idee, mal eine Weile auf die Pornos zu verzichten, wirft er ein und schaut mich unsicher an.

Ich unterstütze ihn: „Das ist eine gute Idee, und sie kann helfen herauszufinden, was dann passiert. Sie können wahrnehmen, wann es ihnen besonders schwer fällt oder auch ganz leicht? Sie können beobachten, welche Gefühle aufkommen, oder ob Sie angespannter werden? Vielleicht können Sie auch merken, was Sie statt dessen tun wollen? Und letztendlich können Sie spüren, wieviel Kontrolle und Steuerungsfähigkeit Sie wirklich haben. Zwei Wochen Pause können zeigen, ob Sie sie die Pornos nutzen oder brauchen, und daraus können Sie Schlüsse ziehen.“

Arnold nickt. Mir ist es in meiner Arbeit wichtig, dass meine Klienten selbst steuern können, sie müssen einen eigenen Nutzen für sich spüren. Ein Vorschlag oder eine „Hausaufgabe“ muss so attraktiv sein, dass sich Engagement lohnt. Und der betreffende Mensch oder das Paar muss autonom entscheiden können. Das heißt für mich, dass ich das Anliegen so aufbereite, dass der Klient Erkenntnisse in erster Linie für sich selbst anstrebt und nicht nur dem Partner zuliebe. Ansonsten droht ein Machtkampf um Autonomie.
Für Arnold lag das Engagement darin, dass er seiner Frau beweisen wollte, nicht süchtig zu sein. Und vielleicht hatte er auch schon ein wenig gespürt, dass seine eigene Sexualität nicht sehr erfüllend für ihn war. So trafen wir die Vereinbarung, dass er alle Bilder auf dem Smartphone löschen sollte, aber ansonsten alle gespeicherten Filme behielt, um später zu entscheiden, was er mit ihnen machen wolle.

Als das Paar wiederkam, hatte Arnold es geschafft. Er hatte sich an die Absprache gehalten, aber es sei ihm schwer gefallen. Er habe häufig an die Pornos gedacht. Vor allem bei Routinearbeiten oder auch während seiner Berufstätigkeit. Er sei überhaupt nicht erüllt, seine Arbeit stresse ihn und mache ihn unglücklich. Die Beschäftigung mit den Bildern lenke ihn ab.
Es gäbe auch Gutes zu berichten. Sie hätten einmal schönen Sex gehabt. Seine Frau fügt hinzu: „Ein bisschen wie früher.“

Ich frage weiter. Ich möchte wissen, wie erregend der Sex mit seiner Frau für ihn sei. Arnold schaut mich zuerst irritiert an, dann nachdenklich: „Ich begehre meine Frau, ja, aber ich brauche auch mehr Kicks wie zum Beispiel den Analverkehr.“ Ich frage, ob er Veränderungen an seiner Erektion festgestellt habe, ob es ihm jetzt manchmal schwerfalle, die Erektion lange genug zu halten oder durch vaginalen Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen. Beides bestätigt er. Er brauche mehr Stimulation, obwohl er seine Frau attraktiv fände und schaut dabei erstaunt. Wahrscheinlich hatte er vorher nie in Ruhe darüber reflektiert, sondern war durch ständige Verteidigung seines Verhaltens voll und ganz beschäftigt gewesen.

Ich erklärte ihm, dass sein Gehirn, durch das Suchen nach dem optimalen erotischen Kick, lerne, nur auf hohe Erregungsstimulantien zu reagieren und sich schließlich daran gewöhne. Dadurch werden subtilere Erregungsquellen nicht mehr wahrgenommen, und der Sex mit der Partnerin kann zunehmend unattraktiv werden, obwohl viel Gefühl und Liebe vorhanden sind.

Wenn wir einen Kick spüren, sei es beim Sex oder für viele Frauen verstehbar, beim Erwerb des 50. Paares schöner Schuhe, dann wird im Gehirn der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dopamin sorgt für ein angenehmes kleines High, gute Stimmung und Erregung. Die Hirnarreale, die auf Dopamin reagieren, reagieren auch bei süchtigem Verhalten. Wir können Süchte entwickeln, die stoffgebunden sind z.B. Alkohol. Oder aber auch Süchte, die das Verhalten betreffen wie Spielen, Schuhe kaufen oder eben Sex bzw. der Konsum von Filmen und Bildern, manchmal auch der Besuch von Prostituierten.

Merkmale einer Sucht sind:
1. Mangelnde Steuerungsfähigkeit, d.h. ich kann mein Verhalten nicht frei wählen. Ich muss konsumieren, damit ich nicht in das Gefühl von Leere oder Depression komme. Unser Gehirn reagiert leider sehr „verschnupft“, wenn wir ihm Dopamin wegnehmen wollen.
2. Daraus resultiert das ständige Verlangen nach dem Verhalten. Die Sucht bestimmt viele Stunden des täglichen Lebens.
3. Häufig braucht es eine Dosissteigerung, um die gewünschte Wirkung herbeizuführen, oder es geschieht eine Abstumpfung in Bezug auf das Verhalten, das früher erregend oder stimulierend erlebt wurde.
4. Wird der Suchtstoff abgesetzt, treten psychische oder körperliche Entzugserscheinungen auf. Die Menschen werden in der Regel unruhig und fühlen sich nicht gut.
5. Süchtige Menschen können ihr Verhalten nicht einfach unterlassen, auch dann nicht, wenn hohe Sanktionen drohen wie Arbeitsplatzverlust oder Scheidung.
6. Bagatelliesierung des Problems: Abhängige Menschen finden viele Entschuldigungen und Erklärungen für Ihr Verhalten. Es wird keine wirkliche Verantwortung übernommen.
7. Alternativ zur Bagatellisierung, wenn keine vernünftigen Gründe mehr gefunden werden können, entsteht heimliches Verhalten. Niemand soll merken, wie es wirklich ist.

Die beiden letztgenannten Punkte können die Therapie besonders schwierig machen. Durch Bagatellisierung und Heimlichkeit, werden die „Tatsachen“ nicht reflektiert, sondern abgewehrt. Wenn aber der Kient glaubt, kein Problem zu haben, sondern nur der Partner, wo soll dann die Motivation für den schwierigen Therapieprozess herkommen? Nur wenn der betreffende Mensch merkt, dass er ein ernsthaftes Problem hat, wird Therapie möglich.

In meiner Praxis gebrauche ich den Begriff der Sucht wenig. Ich spreche lieber von der Wiederherstellung der Steuerungsfähigkeit und der Kontrolle über das problematische Verhalten. Das tue ich aus zwei Gründen. Zum einen werde ich von meinen Klienten bezahlt und nicht von den Krankenkasssen. Ich bin also keinem Diagnosemanual verpflichtet und darf strenggenommen auch keine psychische Störung heilen.
Der zweite Grund ist, dass ich in der Therapie das spätere Ziel anvisiere, nämlich frei entscheiden zu können, ob Pornos genutzt werden sollen oder nicht, selbstverständlich in Absprache mit dem, was die betreffene Paarbeziehung verträgt oder auch nicht.

Ich  selbst nehme zum Thema Porno eine neutrale Haltung ein: Mich persönlich lassen viele Filme kalt, ich finde gerade das Mechanische extrem unattraktiv. Und da macht es für mich auch keinen Unterschied, ob es sich um einen Film für einen Mann oder eine Frau handelt. Das Gezeigte passt nicht in mein persönliches erotisches Sript, und deswegen faszieniert es mich auch nicht. Aber meine Haltung möchte ich nicht als Maßstab nehmen.

Für viele Paare gehört das Ansehen von erotischen Material zu ihrer Sexualität dazu. Sie lassen sich inspirieren und anregen. Manche wagen es, Praktiken und Phantasien umzusetzen, die ihre Sexualtität bereichern. Manchmal nutze auch ich Filme in der Praxis, um Erregungsquellen auf die Spur zu kommen: Zum Beispiel, wenn ein Mann über Lustlosigkeit klagt, und es selber nicht versteht. Manchmal wird erst in der Reflexion deutlich, dass er z.B. Filme bevorzugt, in dem es Zuschauer gibt, er also durch das Zuschauen und nicht durch das Selbst Tun erregt wird. Insofern kann erotisches Material wie Bilder, Filme, Bücher oder Hörspiele helfen herauszufinden, worauf man besonders reagiert, und das finde ich in der Praxis sehr hilfreich.

Ob etwas eine gute oder schlechte Wirkung hat, entscheidet wie beim Essen auch, das Maß. Insofern sind wir alle aufgefordert, verantwortlich mit uns selbst umzugehen und genau zu beobachten, ob wir noch genießen oder, ob wir etwas schon brauchen.
In der Praxis beobachte ich allerdings eine zunehmende Relevanz problematischen Verhaltens, welches sich ganz massiv negativ auf die Liebesbeziehung zweier Menschen und ihre Partnerschaft auswirkt. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Thema für meinen Beitrag ausgewählt habe.

Arnold und seine Frau stehen noch am Anfang der Therapie.  Sie kämpfen um ihre Beziehung, und ich kann noch nicht voraussagen, ob sie es schaffen werden. Die Bilder haben eine große Macht.

 

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