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Zuhause – Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu sich selbst und anderen?

Christiane Jurgelucks

Matthias sagt leise: „Ich habe mich in unserem Haus nie zuhause gefühlt.“ Ich nicke und schaue ihn fragend an. „Ich habe immer das Bild in mir, ich sei mit dem Zug unterwegs und sei irgendwo ausgestiegen. Aber ich weiß, es ist nur eine Durchgangsstation. Und irgendwann steige ich wieder in den Zug und fahre weiter.“ Ein schönes Bild, das mich sofort anspricht. Auch ich habe ein zweites oder drittes Zuhause auf Bahnhöfen und in Zügen der Deutschen Bahn gefunden, regelmäßig zwischen Hamburg und Karlsruhe pendelnd, von einem zum anderen Zuhause. Während viele Menschen sich danach sehnen, mal raus zu kommen, sehne ich mich mittlerweile danach, mal dazubleiben.

Matthias spricht leise weiter. „Eigentlich war das auch schon in meiner letzten Beziehung so. Auch da habe ich mich nicht zuhause gefühlt.“
Elke, Matthias Frau hört wohlwollend, mitfühlend, aufmerksam und zunehmend betroffen zu. An diesem Morgen habe ich ein Paar bei mir in der Praxis zu Gast, das sich traut, ehrlich über Gefühle zu sprechen. Aufhänger war Elkes Frage nach dem Unterschied zwischen selbstbestätigter und fremdbestätigter Intimität gewesen – ein Begriff, den David Schnarch in seinem Buch: „Intimität und Verlangen“ eindrucksvoll beschreibt, und auf den ich später noch zurückkommen werde.

Matthias lautwerdende Gedanken sind ein Beispiel für selbstbestätigte Intimität, was soviel bedeutet wie: Ich zeige mich Dir mit allem, was da ist, und ich verschweige nichts, nur weil ich weiß, dass Du es nicht gerne hörst. Genau dies tut Matthias an diesem Morgen, wenn er Elke und mich an seinen Gefühlen teilhaben lässt. „Ich fühle mich bei uns nicht zuhause.“ Ich frage vorsichtig nach, was dieser Satz für ihn bedeutet. „Manchmal sitze ich am Tisch und denke, ich gehöre nicht dazu, ich kriege keine Verbindung, fühle mich getrennt und fremd.“ Ich spüre mit und sage: „Das muss schrecklich einsam sein. Es hört sich fast so an, als seien Sie in ihrem Leben nicht zuhause.“ Matthias schaut mich an und bemerkt lebhaft: „Dann verstehe ich das Bild vom Bahnhof, das mir immer durch den Kopf geht. Es macht Sinn. Ich komme nicht an, wo ich zuhause bin.“

Wir sprechen zu Dritt über das Gefühl, sich in seinem Leben zuhause zu fühlen, und ich frage Matthias einen sehr sensiblen und auf andere Menschen bezogenen Mann, ob es damit zu tun haben könnte, dass er vor lauter Einfühlsamkeit in die Bedürfnisse anderer Menschen, den Kontakt zu sich selbst verloren habe. Die eigene innere Stimme nicht mehr höre? Matthias ist nachdenklich, denkt laut über die Stationen seines Lebens nach, in denen er sich glücklich und zufrieden fühlte, und er bemerkte, dass Glück und Zufriedenheit häufig an das All-ein-sein gekoppelt waren. Nichts wollen, auf niemanden Rücksicht nehmen müssen, keine Erwartungen spüren, das kann großes Glück bedeuten. Vor allem für Menschen, die übergroße Antennen für die Wünsche und Nöte anderer Menschen haben.

Auch ich selbst kann ein Lied davon singen, den Kontakt zu mir zu verlieren, wennn zu viel „Nebengeräusch“ in meinem Leben die eigene Stimme übertönt. Deshalb bereitet mir Stille oder das Lauschen des Windes so großes Vergnügen. Unsere Welt ist so häufig geschwätzig, ohne wirklich etwas zu sagen.
An diesem Morgen genieße ich das Gespräch mit dem Paar. Und obwohl wir scheinbar wenig zielorientiert in den Kontakt treten, dürfen die inneren Stimmen sprechen. Ich formuliere meine erste Hypothese: „Kann es sein, dass wir dort zuhause sind, wo wir unsere innere Stimme hören? Und gibt es womöglich Lebensphasen in unserem Leben, wo wir uns vor lauter Funktionieren müssen nicht mehr gut spüren und uns fremd werden?

Genau dies ist das Thema meines nächsten Paares an diesem Morgen. Susanne sitzt weinend auf ihrem Sessel, nachdem ich ihr gespiegelt hatte, welche Gefühle ich gerade im Raum wahrnehme. Sie fühlt sich fremdbestimmt und fremd in ihrem Leben als Mutter und Ehefrau. Der Balanceakt zwischen Beruf, Partnerschaft und Muttersein will nicht gelingen. Alles ist zu viel. Am liebsten würde sie verschwinden. Doch statt ihrem Unmut, ihrer Verzweiflung und ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen, verbarrikadiert sie sich hinter einer dicken Schutzmauer, lässt ihren Mann nicht an sich heran. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern, weil sie nie die Erfahrung gemacht hat, dass sie ehrlich und angstfei über ihre Gefühle und Gedanken sprechen kann, ohne mit der Angst vor Ablehnung konfrontiert zu werden.
Susanne spricht nur über das, was sozial verträglich scheint. Ein typisches Beispiel für fremdbestätigte Intimität, also jenes Verhalten, das sich zeigt, wenn ich nur das äußere, was erwünscht ist und Beziehungen nicht in Frage stellt.
Ich frage Susanne, ob sie sich in ihrem Leben und in ihrer Beziehung zuhause fühlt. Sie schüttelt den Kopf und mir wird klar, warum sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. In diesem anderen potenziell möglichen Leben spürt sie sich wieder. Nach Hause kommen? Susanne ist vorerst nicht bereit, die Verantwortung für sich zu übernehmen.
Während ihr Mann ohnmächtig um Wahrhaftigkeit kämpft und Susanne sich durch den Preis, den eine Entscheidung bedeuten würde, zunehmend unter Druck gesetzt fühlt, frage ich mich beim Zuhören, ob bei „sich zuhause sein“ bedeutet, hier kann ich wahrhaftig sein? Vor meinem inneren Auge ziehen unzählige Situationen vorhei, in denen ich mich auch nicht traute, wahrhaftig zu sein, weil ich mich vor den Konsequenzen fürchtete und den Preis nicht zahlen wollte. Ich verstehe Susanne, aber ich verstehe auch ihren Mann, der wahrhaftig verheiratet sein möchte, und der die Frau, mit der er zusammenlebt, auch kennen möchte.

Nach meiner Mittagspause macht auch das Thema „zuhause“ ersteinmal Pause. In mir selbst arbeitet es weiter. Das Zuhausegefühl kann aber muss nicht an ein reales Haus gebunden sein. In meinem Leben habe ich mich immer auch in Landschaften oder an bestimmten Orten zuhause gefühlt. Und oft habe ich mich gefragt, warum es gerade dieser Ort ist, der mir etwas sagt, mit dem ich in Resonanz gehen kann. Wie Sie wissen, ist Hamburg oder Teile von Hamburg ein solcher Ort für mich oder mein Lieblingsweg von Winsen nach Stöckte zum Zollenspieker oder ein paar andere Plätze, bei denen ich tatsächlich schon eine Art Territorialverhalten entwickelt habe, was manchmal dazu führt, dass ich andere Menschen an meinen Orten nur bedingt ertragen kann.
Wenn ich das hier so erzähle, ist mir das ein bisschen peinlich, aber ich lade ja auch nicht jeden und nicht zuviele Menschen zu mir nach Hause ein. Insofern betrachte ich meine kleine Marotte mit Mitgefühl.

Der letzte Klient an diesem Tag ist ein Mann, der mit mir über seine Liebe zu einer Frau sprechen möchte, zu der er seit einem Jahr neben seiner Ehefrau intensiven Kontakt hält. Er ist verzweifelt, weiß nicht, wie er sich entscheiden soll. Noch nie habe er so emotional geliebt, noch nie sei er so berührt gewesen. Aber er wisse nicht, ob er seinen Gefühlen trauen könne. Er habe keine Erfahrung darin. Stets habe er zielorientiert und vernünftig gehandelt, aber etwas in ihm sei berührt, auf das er nicht mehr verzichten könne. Bei dem Gedanken, sich von dieser Liebe trennen zu müssen, bricht er in Tränen aus, obwohl er seine Ehefrau mag und schätzt. „Es zerreißt mir das Herz.“

Auch ich kenne diese Sehnsucht nach einem Menschen, der mein inneres Zuhause berührt, den ich dort herumführen kann, und den ich dorthin einladen möchte. Einmal diese Erfahrung der Intimität gemacht, gibt es keinen Weg zurück. Man kann sich von Menschen trennen, aber nicht von Erfahrungen und Berührungen der Seele. Die Sehnsucht bleibt, wenn man dieses Gefühl kennt und zulassen möchte.

Ich frage (eher proforma, weil ich die Antwort schon kenne), wem er denn sexuell treu sei. Eine sehr heikle Frage, die ich Paaren manchmal auch gemeinsam stelle, wenn es um Affären, Nebenbeziehungen oder Doppelbindungen geht. Wir sind in der Regel demjenigen treu, bei dem wir uns zuhause fühlen, so meine These und meine Eefahrung. Und das ist für den betrogenen Partner starker Tobak und fühlt sich schier unerträglich an. Diese These stellt den herkömmlichen Treuebegriff auf den Kopf.

Ich frage mich, ob „sich zuhause fühlen“ damit verbunden sein könnte, dass es ein Ort ist, an dem man sowohl sich selber als auch anderen Menschen treu bleiben kann. So dass Treue und Vertrauen keine Pflicht oder soziale Erwartung wären, sondern etwas, was wir freiwillig schenken würden, uns selbst und dem andern, einfach, weil es sich wie zuhause anfühlt.

Während ich meinen ausgesprochenen Gedanken nachhänge, muss mein Klient dringend auf die Toilette. Beim Warten stellt sich bei mir ein großes Gefühl der Zufriedenheit ein. Ich denke über meine Ursprünge als Krankenschwester in der Psychiatrie nach, und viele existenziell (bedrohliche) Situationen erscheinen vor meinem inneren Auge. Die Grundsätze meiner Arbeit: Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Interesse für alle uns als Menschen gemeinsame Fragen sowie ein Gefühl großer Zuneigung für Patienten und Klienten bestimmen von je her meine Arbeit.(Schon wieder diese Schachtelsätze, die mein Schreibprogramm bei wordpress mit ROT kommentiert, also unlesbar….aber ich traue Ihnen das zu :))

Ich denke an die vielen Ausbildungen, die ich gemacht habe. Jede hat mich etwas gelehrt, und vieles kann ich davon in meiner täglichen Arbeit benutzen, aber nichts hat mich so geprägt wie meine eigenen Erfahrungen, das konkrete Erleben mit Menschen, das Fragenstellen und Fokussieren existenzieller Themen. Das ist der Kern meiner Arbeit.

Am Wochenende hatte ich die Biografie von Irvin Yalom, einem sehr bekannten und schreibenden Psychotherapeuten gelesen, den ich schon immer sehr vereehrt habe. Von ihm stammt eines meiner Lieblingsbücher: „Und Nietzsche weinte“ sowie ein psychotherapeutisches Grundlagenwerk über existenzielle Fragen eines Menschen, nämlich die Frage nach dem Sterben, der Freiheit, der Einsamkeit und dem Sinn. Und während ich diese Biografie fast verschlang, fiel mir auf, wie viele Erfahrungen ich mit dem Autor teilte (ohne dass ich mich vermessen mit ihm auf eine Stufe stellen wollte), und wie sehr mir seine therapeutischen Grundlagen zu (m)einer therapeutischen Heimat geworden waren. Dort fühle ich mich zuhause und dorthin lade Sie gerne ein, genau wie all meine Klienten, denen ich an diesem Therapietag zugehört habe und mit denen ich das Leben geteilt habe. Ich möchte gerne im Kontakt mit Ihnen gerne berührbar sein und bleiben, auch wenn mein Leben in meinen Therapiegesprächen nicht im Mittelpunkt stehen soll, freue ich mich doch immer wieder darüber, Sie teilhaben zu lassen.

Und zuletzt möchte ich nochmals auf das „Zuhausegefühl“ zurückkommen, in dem ich mit der Antwort meines mittlerweile 17jährigen Sohnes auf meine Frage, was für ihn zuhause bedeute, schließe. Er sagt: „Zuhause ist da, wo ich barfuß laufe.“ Ein schönes, einfaches Bild. Da wo ich barfuß laufe, da befürchte ich keine Scherben.

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