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Umbrüche & Trennungen – Über den Umgang mit großen Veränderungen im Leben – von Andreas Schreyer

Andreas Schreyer

Umbrüche. Für manch einen gehören sie beinahe zum Leben, wie das tägliche Brot. Andere wiederum kennen sie kaum oder nur einige ganz wenige Male im Leben. Manche Umbrüche passieren einfach so, ohne dass man sie beeinflussen kann. Wie aber sieht es mit Umbrüchen aus, die man selbst herbeiführt?  Ich meine wirklich große, existenzielle Veränderungen.
Veränderungen sind ja per se erstmal nichts Schlechtes, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit. Ich möchte gern über dieses Thema schreiben, weil ich selbst seit gut einem Jahr einen massiven Umbruch und viele Veränderungen in meinem Leben erlebe. Und diesen Umbruch habe ich tatsächlich selbst herbeigeführt.

Haben Sie sich selbst schon gefragt, wie es Ihnen in Ihrem Leben so geht? Wie zufrieden Sie sind? Ob das, was Sie jeden Tag erleben, Sie glücklich macht? Im Blogartikel vom 01.03.2018 ging es um das innere Zuhausegefühl. Was passiert, wenn man plötzlich feststellt, dass man sich im eigenen Leben, in der Partnerschaft, im Beruf oder auch im eigenen Körper nicht zuhause fühlt? Wenn man immer den Eindruck hat, fremd zu sein? Nur zu Gast oder auf der Durchreise? Zu viel zu sein oder nicht zu genügen? Und wie geht man damit um?

Sicherlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Erkenntnis umzugehen. Eine Möglichkeit wäre, sich damit abzufinden. Letztlich also die Resignation. Aber mal ehrlich: führt das dazu, dass man glücklicher ist? Vielleicht ist die Resignation ein Weg, weniger Schmerz zu spüren. Bitte nehmen Sie mir meine drastische Sichtweise nicht übel. Nach meinem Empfinden ist das, als wenn man sich schon mal hinlegt, um zu sterben. Die Möglichkeit, tatsächlich sterben zu wollen, will ich hier gar nicht erst vertiefen, denn dieser „Ausweg“ ist sicher die schlimmste aller Alternativen.

Welche Möglichkeiten gibt es also noch, wenn man sich entschließt, noch nicht sterben zu wollen? Man könnte versuchen, mit kleinen Veränderungen zu beginnen. Vielleicht jeden Tag etwas auf einem anderen Weg zu tun. Selbst eine Veränderung der gewohnten Fuß- oder Fahrwege kann schon eine Veränderung einleiten. Etwas mit der linken Hand tun, was man sonst immer mit der rechten tut.

Worüber ich hier aber schreiben möchte, ist die ganz radikale Veränderung. Sozusagen die Axt in die Hand zu nehmen und alles, was nicht oder nicht mehr stimmt, zu zerstören oder aus dem Weg zu räumen. Aber bitte nicht wörtlich nehmen, es geht um eine Metapher, nicht um eine physische Axt! Ich schreibe deswegen über diesen Weg, weil ich ihn gewählt habe. Der Weg, denn man wählt, ist ganz sicher typbedingt. Vielleicht sind Sie ja eher für kleine Veränderungen. Denn eins ist sicher: die radikale Veränderung welcher Lebensumstände auch immer kostet immense Kraft. In jedem Fall im psychischen Sinne, oft auch körperlich oder finanziell.

Da es hier um Fragen zu Beziehung, Liebe und Sexualität geht, beschränke ich mich auch auf genau dieses Thema. Was passiert, wenn Sie eines Tages feststellen, dass Ihre Beziehung Sie nicht erfüllt? Wenn Sie den Eindruck haben, dass immer etwas fehlt? Womöglich immer schon gefehlt hat, ohne, dass Sie es bisher wahrgenommen haben? Oder dass Sie das Gefühl haben, zu viel zu sein, zu viel zu wollen? Oder im Gegenteil, nicht zu genügen? Egal, was man macht, immer das Gefühl zu haben, man macht es nicht richtig? Um einen Ausweg aus einer nicht erfüllenden Sexualität zu finden, gibt es sicher noch andere Wege, die ich hier aber nicht beschreiben möchte.

Der beste Weg aus einer Beziehungskrise ist nach meiner Erfahrung: reden Sie! Ich weiß, wie schwer das sein kann. Und je länger Sie warten, desto schwerer wird es. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Ihr(e) Partner(in) kann nicht Ihre Gedanken lesen. Und auch nicht wissen, wie es gefühlsmäßig in Ihnen aussieht – wenn Sie es nicht ausdrücken. Wenn Sie Unterstützung brauchen, können Sie sich natürlich professionelle Hilfe suchen. Oder einen guten Freund/eine Freundin als Moderator oder Mediator hinzuziehen, was aber sehr viel Vertrauen erfordert. Leider ist es nicht sicher, dass das Reden in jedem Fall hilft. Selbst wenn Sie sehr achtsam Ihre Worte wählen, Ihre Wünsche, Kritik, Bedenken oder Sorgen sehr bedacht und ohne Vorwurf formulieren, ist noch lange nicht gesagt, dass das, was Sie sagen, auch so bei Ihrem Gegenüber ankommt. Denn leider ist die zwischenmenschliche Kommunikation mit so vielen Fallstricken gespickt, dass es nur sehr schwer möglich ist, dass Ihre Anliegen auch passgenau ankommen. Denn sowohl Ihre eigene „Tagesform“ als auch die Ihres Gegenübers spielt eine große Rolle. Ebenso die kommunikative Grundhaltung. Vielleicht haben Sie auch schon von den „vier Seiten einer Botschaft“ gehört? Dann wissen Sie, dass nicht nur die Person, die etwas ausspricht, vier „Nachrichtenkanäle“ nutzt, sondern auch die Person, die zuhört, auf eben diesen vier Kanälen lauscht. Nur leider sind diese vier Kanäle fast immer unterschiedlich ausgeprägt. Stellen Sie sich vier parallel verlaufende Tunnel vor, und bei jedem dieser Tunnel ist möglicherweise die Einfahrt größer oder kleiner als die Ausfahrt. Ist die Einfahrt größer als die Ausfahrt, staut es sich im Tunnel und es kommt weniger an, als Sie hineinschicken. Ist die Einfahrt kleiner als die Ausfahrt, schicken Sie viel weniger hinein, als auf der anderen Seite herauskommen könnte.

Vielleicht wäre eine Möglichkeit, einen Brief zu schreiben. Darin kann man seine Gedanken sortieren, die Formulierung genauestens überlegen und man hat gleich noch festgelegt, was man eigentlich ausdrücken möchte. Sie müssen diesen Brief ja nicht heimlich unter das Kopfkissen schieben. Sie können den Brief persönlich übergeben und über die Inhalte kann man sich ja im Anschluss unterhalten.

Ob die Unterhaltung oder der Brief tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielen, nämlich dass sich tatsächlich etwas ändert, ist indes leider nicht sicher. Aber immerhin ist es einen Versuch wert. Wenn sich durch Kommunikation nichts ändert, ist die Frage, wie der nächste Schritt aussieht. In meinem Fall haben Gespräche leider keine dauerhafte Veränderung bewirkt. Die Folge war die bereits oben erwähnte Axt. Das soll natürlich nicht Ihr Weg sein, den müssen Sie selbst finden.

Wenn Sie sich allerdings für den radikalen Weg entscheiden, sollten Sie sich im Klaren sein, dass das unter Umständen eine Lawine auslöst, die Sie nicht mehr beeinflussen können. Die Auswirkungen können derart drastisch sein, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Ich kann Ihnen also nur raten, sich genau zu überlegen, was Sie wollen und wie Sie es wollen. Und den Weg mit Bedacht zu wählen. Wenn Sie ein gewisses Risiko nicht scheuen und sich große Veränderungen zutrauen – dann kann der radikale Weg der richtige Weg sein. Es gibt aber noch sehr viele andere Wege, die man gehen kann. Veränderungen gehören ja zu einem lebendigen Leben dazu. Wie groß diese Veränderungen sind und wie man selbst diese Veränderungen beeinflusst, ist individuell so verschieden wie der Fingerabdruck oder die Struktur der Iris.

Warum aber ist es so schwer, sich für einen vollkommen neuen Weg zu entscheiden? Und warum ist es so ein Kraftakt, mit den Folgen umzugehen? Die Entscheidung zu einer radikalen Kursänderung zieht in den meisten Fällen schwerwiegende Folgen nach sich. Zuerst zweifelt man möglicherweise an sich selbst. Und es kommen Ängste auf. Ist die Situation wirklich so unerträglich oder bilde ich mir nur etwas ein? Was kann ich tun, welche Folgen hat das? Wie komme ich zurecht, wenn ich mich zu einer Trennung entschließe? Welche Auswirkungen hat das auf meine(n) Partner(in)? Wie kommt er/sie damit zurecht? Wird er/sie womöglich krank, depressiv? Welche Reaktionen löse ich möglicherweise aus? Wut, Hass, Angst, Trauer, Selbstzerstörung? Wie werden Freunde, Bekannte und Verwandte reagieren?

Sobald man die Entscheidung getroffen hat, kommt schon der nächste Kraftakt. Wie bringe ich es ihm/ihr bei? Schonend? Geht das überhaupt? Oder doch eher knallhart? Eines möchte ich Ihnen in diesem Zusammenhang mitgeben: in jedem Fall muss es deutlich sein. Sie müssen Ihr Anliegen so klar formulieren, dass kein Zweifel daran besteht, was Sie eigentlich wollen. Allein das ist schon harte Arbeit. Ich möchte noch mal an die vier Seiten einer Botschaft erinnern.

Nun haben Sie die Entscheidung getroffen und kommuniziert. Wie geht es jetzt weiter? Wohnen Sie zusammen? Wer soll ausziehen? Und wann soll das passieren? Können Sie sich einigen, wer was mitnimmt? In jedem Fall wird das gesamte Vorhaben unendlich dadurch erschwert, sobald Kinder beteiligt sind, je nach Alter in unterschiedlichem Maße. Kinder sind immer die Leidtragenden, deswegen sind gemeinsame Kinder wohl auch einer der häufigsten Gründe, warum Paare zusammenbleiben, obwohl es sonst keinerlei Gemeinsamkeiten mehr gibt.

Was danach folgt, ist aber keineswegs weniger anstrengend. Möglicherweise erleben Sie euphorische Momente, absolute Hochstimmungen, weil Sie endlich den Befreiungsschlag gewagt haben. Die Zukunft ist rosig oder golden, die Welt steht Ihnen offen. Freude über die gewonnene Freiheit, die Möglichkeiten. Schon wenige Minuten später kann es passieren, dass Sie in ein tiefes Loch fallen. Warum habe ich das getan? Was habe ich alles zerstört? War es das wirklich wert? Darf ich Glück erleben, während mein(e) Expartner(in) womöglich unglücklich ist? Ängste können einen überkommen. Eine innere Anspannung, die einen fast zerreißt. Werde ich jemals wieder eine(n) Partner(in) finden? Kann ich allein (über)leben? Wie komme ich mit der Einsamkeit klar? Selbst wenn schon ein neuer Gefährte, eine neue Gefährtin vor der Tür steht: wird das gut gehen? Wird es bei uns besser laufen als bisher? Das Alte ist noch nicht beendet, und das Neue ist noch undeutlich oder unbekannt. Man betritt möglicherweise völlig unbekanntes Terrain. Ängste, Zweifel und sonstige Gefühle können sich unter Umständen im Minutentakt mit Glücksgefühlen, Hoffnung und Freude abwechseln. Und dieser psychische Kraftakt zehrt auch an den physischen Kräften. Wenn Sie sich dann auch noch um Sorgerecht, Unterhalt oder Besitz streiten, geht es unter Umständen auch noch an die finanziellen Mittel.

Ich möchte Ihnen aber nach so viel Schwarzmalerei doch Mut zusprechen. Zum einen muss es nicht zwingend zur Trennung kommen. Noch einmal der Hinweis: reden Sie miteinander! Und damit meine ich nicht über das Wetter! Und zum anderen gibt es auch im Falle einer Trennung so viele schöne Dinge, die Sie erfahren können. Vielleicht genießen Sie den gewonnenen Freiraum oder entdecken eine Tätigkeit (wieder), die Sie gern machen. Vielleicht finden Sie zu sich selbst zurück. Ja, vielleicht finden Sie sogar ihr inneres Zuhause.
Und wenn Sie gar nicht weiterwissen, holen Sie sich bitte unbedingt Hilfe. Selbst wenn Sie überhaupt keinen Ausweg mehr sehen, es gibt immer Möglichkeiten. Wenn Sie aus irgendeinem Grund der Meinung sind, dass Sie nicht mehr so weitermachen wollen, wenn Sie sich gar mit Suizidgedanken befassen: sprechen Sie mit Menschen. Es gibt Stellen, die genau für diese Situationen da sind, z.B. die Telefonseelsorge. Diese ist rund um die Uhr verfügbar. Sie erreichen die Telefonseelsorge deutschlandweit über die Nummern
0800 1110111
0800 1110222

Ich selbst habe zwischen vielen kleineren und größeren Krisen so viele schöne Dinge erlebt und erfahren, die mir gut getan haben, die mich glücklich machen. Ich glaube, ich bin auf dem Weg, endlich mein inneres Zuhause zu finden. Ich wünsche Ihnen Lebendigkeit, so viel Veränderung, wie Sie sie brauchen und in dem Tempo, welches Sie gut verkraften.

 

Herzlichst, Ihr Andreas Schreyer

2 Kommentare
  1. Karolin says:

    Lieber Andreas,

    ich hatte jüngst einen Umbruch in meinem Leben, da mein Mann und ich uns getrennt haben. Im Winter war diese Entscheidung sehr schmerzhaft, hat mich viele schlaflose Nächte gekostet. Mit dem aufkommenden Frühling fühle ich mich nun immer besser mit der Entscheidung.

    Und ja: Reden kann helfen. Muss aber nicht.

    Herzliche Grüße

    Karolin

    Antworten
    • Andreas Schreyer
      Andreas Schreyer says:

      Liebe Karolin,

      Deinen Schmerz kann ich gut nachfühlen. Insbesondere, wenn man sich nach einer längeren Partnerschaft trennt, ist das nicht einfach. Selbst wenn die Trennung der „richtige“ Weg ist, hat man eben doch meistens eine tiefe Verbindung. Ich freue mich für Dich, dass es Dir langsam besser geht und wünsche Dir viel Glück für Deine (Liebes-)Zukunft!

      Herzliche Grüße
      Andreas Schreyer

      Antworten

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