Warum Frauen sich ihre Lust erlauben müssen, auch wenn ihr Körper Erregung signalisiert.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob die Lust auf Sex und und die Erregung beim Sex das Gleiche sind? Und angenommen es gäbe Unterschiede, wie diese aussähen? Und diese Unterschiede vielleicht auch mit dem  biologischen Geschlecht zu tun haben könnten?
Wie immer möchte ich Ihnen heute in meinem Beitrag Lust auf Selbstreflexion machen. Ich bin gespannt, ob Sie etwas Neues mitnehmen können….

Mich beschäftigt die Frage nach der Lust verbunden mit sexueller Erregung schon länger, ausgelöst durch die Klage einer Klientin, die stellvertretend für viele Frauen spricht: „Ich habe einfach keine Lust auf Sex. Von mir aus könnte ich ganz darauf verzichten. Ich tue es nur meinem Mann zuliebe.“

Ich fragte sie, was sie denn beim Sex erlebe, und was sie dabei genieße, und es stellte sich heraus, dass sie durchaus körperliche Erregung verspürte und auch zum Orgasmus kommen konnte. Dennoch sagte sie: „Ich empfinde keine Lust. Und ich bin froh, wenn es vorbei ist, und ich wieder ein paar Wochen Ruhe habe.“ Ich fragte mich, warum meine Klientin – wie auch andere Frauen mir zuvor berichtet hatten – während physiologischer, sexueller Erregung inklusive Orgasmus, keine Lust empfinden kann oder will, und womit dies zu tun haben könnte.

In den letzten Wochen fragte ich einige FreundInnen und KollegInnen nach ihren Erfahrungen bezüglich der Unterschiedlichkeit von sexueller Erregung und Lustempfinden. Der erste Kommentar eines Freundes: „Ist das nicht das Gleiche?“ Ich fragte einen weiteren männlichen jungen Kollegen: „Ich glaube nicht, dass die meisten Männer das differenzieren, meine Freunde tun es jedenfalls nicht, und ich muss erstmal genau darüber nachdenken.“

Nach diesen beiden Gesprächen musste ich an ein Klientenpaar denken, das ich vor langer Zeit kennenlernte. Er klagte: „Ich verstehe es einfach nicht. Wenn wir miteinander schlafen, dann ist das total schön. Sie geht ab wie nichts, und sie hat multible Orgasmen, auf die ich ganz neidisch bin. Und dann weiß ich, jetzt geht die nächsten Wochen gar nichts. Ich muss hungern, und sie ist noch ganz satt. Ich verstehe nicht, warum sie es nicht häufiger will, obwohl sie sensationelle Orgasmen hat, und sie es ganz augenscheinlich genießt.“

Damals hatte ich geantwortet, dass für viele Frauen der Sex nicht im Mittelpunkt ihres Beziehungs-Lebens steht und sie ihn zwar genießen können, aber nicht immer elementar wichtig finden. Das hat sich durch meine Praxis-Erfahrung auch nicht geändert, dennoch denke ich jetzt etwas differenzierter darüber.

Aber zurück zu meiner kleinen Umfrage. Befragte Freundinnen kannten fast alle das Problem der Lustlosigkeit vor dem Sex, bei manchen ändert es sich auch nicht währenddessen, aber viele sagen: „Wenn ich erstmal dabei bin und mich darauf einlasse, dann kann ich es irgentwann auch genießen.“ Lust auf mehr Sex und Erregung währenddessen kommen also irgentwann zusammen, aber sie sind nicht automatisch sofort vorhanden. Sollten sich Frauen und Männer diesbezüglich signifikant untersscheiden?

Ich dachte an meine männliche Klienten und stellte fest, dass das Problem der Lustlosigkeit bei gleichzeitiger Erregung auch bein Männern auftritt und zwar in der Regel entweder dann, wenn die sexuelle Funktion beinträchtigt ist (vor lauter Aufregung klappt es nicht) oder aber bei massivem Pornokonsum. Hier funktioniert die Erregung problemlos mehrfach hintereinander, und dennoch kann der betreffende Mann diese Erregung nicht lustvoll genießen.

Es scheint also so zu sein, dass bei den meisten Männnern sexuelle Erregung und das Lustgefühl bei dieser Empfindung deutlich miteinander korrespondieren. Also eine Erektion zu spüren, macht höchstwahrscheinlich vielen Männern Lust auf Sex. Bei Frauen scheint dies sehr häufig anders zu sein. An dieser Stelle möchte ich Männer ermuntern, mir darüber (gerne auch anonym) zu schreiben.

Wie so oft, wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, finde ich auch passende Literatur dazu. So fiel mir gestern die Separee Nr. 8  http://www.separee.com (ein Erotikmagazin für Frauen) mit einem Titel zur weiblichen Lust in die Hände. Die Autorin zitiert neuere Forschung der US Amerikanerin und Sexualwissenschaftlerin Emely Nagoski (Komm wie Du willst – Das neue Frauen-Sex-Buch):

„Bei Frauen spielt der Kontext eine besondere Rolle. Damit ist nicht die Auswahl von Kerzen oder Blumen gemeint, sondern die innere Verfassung. Und nicht zuletzt eine nicht-urteilende Haltung sich selbst gegenüber. Es geht nicht darum, was Sie fühlen. Es geht darum, was Sie hinsichtlich Ihrer Gefühle fühlen. Wie Sie in Bezug auf Ihre Sexualität empfinden, ist wichtiger als Ihre Sexualtiät an sich“, so Nagoski.

Die Wissenschaftlerin hat vier Aspekte identifiziert, die sexuelle Lust bei Frauen bremsen können. Sie schreibt: „Frauen lassen sich durch abtörnende Nebensächlichkeiten leichter von ihrer Lust ablenken als Männer. Sie haben eine empfindlichere Bremse und ein langsameres Gaspedal beim Sex. Nicht weil sie defekte Versionen von Männern sind, sondern, weil sie anders funktionieren.“

Der zweite große Unterschied im Erleben besteht darin, dass nur circa 30% aller Frauen beim Geschlechtsverkehr zuverlässig zum Orgasmus kommen, aber fast alle Männer.
70% aller Frauen kommt beim Geschlechtsverkehr manchmal, selten oder nie. Deshalb haben viele Frauen  wenig Lust auf vaginalen Sex, sondern sehnen sich nach mehr Erotik, Sinnlichkeit und subtileren Berührungen. (Darüber habe ich hier im Blog ja auch schon oft geschrieben). Und gleichzeitig fühlen sich viele Frauen schuldig, dass sie nicht die gleiche Art von Lust wie ihre Männer erleben.

In der Praxis mache ich folgende Erfahrungen: Viele Männer haben definitiv einen leichteren Zugang zu ihrer sexuellen Lust. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb diese auch intensiver erleben. Meist kommt das erotische Spiel aus Distanz und Annäherung, Vertrautem und Aufregendem in langjährigen Paarbeziehungen zu kurz. Wenn ich dies innerhalb der Paarberatung oder Sexualberatung anrege und ausprobieren lasse, erleben auch Männer dies als ausgesprochene Bereicherung.

Vielleicht könnte man es so ausdrücken: Männer brauchen nicht unbedingt erotische Verführung, um in Stimmung zu kommen, aber sie genießen diese sehr, sobald sie sich sicher darin fühlen. Für Frauen ist erotisches Erleben, das sich subtile Annähern, oft eine unabdingbare Voraussetzung für Sex.

Den dritten Unterschied, den Nagowski beschreibt, ist das, was als genitale Reaktion beschrieben wird. Wenn eine Frau feucht wird, dann ist das kein verlässlicher Indikator für weibliche Lust. Viele Frauen werden feucht, ohne wirklich angetörnt zu sein, einfach, weil der Körper auf einen Stimulus zuverlässig reagiert. Sogar ein Orgasmus – ich spreche in diesem Zusammenhang lieber von einer körperlichen Entladung – ist auf diese Weise möglich.
Währenddessen sind andere Frauen durchaus angetörnt von der Sehnsucht, den Mann endlich in sich zu spüren, ohne dabei feucht zu werden. Vaginale Lubrikation führt eine selbständige Existenz, sagt sie.

Als Therapeutin wünschte ich mir, dass möglichst viele Menschen darum wüssten. Es würde vor allem diejenigen Frauen entlasten, die sexuelle Übergriffe erlebt und dabei physiologische Erregung wahrgenommen haben. Viele empfinden angesichts dieser Tatsache Schuld- und Schamgefühle.

Da bei Männern Lust und Erregung weit häufiger korrespondiert als bei Frauen, und wir Menschen beim „Lesen“ des Partners oder der Partnerin häufig auf eigene Erfahrungen als Bezugsrahmen zurückgreifen, reagieren viele Männer verständlicherweise mit Unsicherheit oder auch wachsender Ungeduld. „Was wollen denn Frauen nun wirklich? Wenn nicht mal das Feuchtwerden ein sicheres Zeichen ist, woran merke ich denn, das sie mich wirklich will?“ (vgl. auch letzter Beitrag)

Andere Indikatoren für Lust können Atem, Stöhnen, Muskelspannung, aber vor allem das sein, was sie sagt. Ein „Ich will Dich.“ Oder: „streichle meinen Hals“  oder „das ist gut so“ zeigen sehr wahrscheinlch, was ihr angenehm ist. Und erst Reize und Berührungen, die eine Frau als angenehm erlebt und bewertet, erlauben ihr Lust zu verspüren.

Und dies müssen sich die meisten Frauen erst erlauben. Das bedeutet in der Praxis: Eine Frau muss eine Berührung mögen (das heißt positiv bewerten). Denn nur, was sie mag, darf sie auch erregen. Und das, was sie da erlebt, das muss auch sozial erlaubt sein. Das erklärt, warum physiologische sexuelle Erregung möglicherweise erst dann bewusst wahrgenommen wird, wenn Frau den Kontext sorgfältig geprüft hat. Und es erklärt auch, warum viele Frauen durch Pornografie keinen Zugang zu ihrer Lust finden. Denn obwohl sie nachweislich körperlich genauso intensiv wie Männer reagieren, drosselt der Kontext des Unerlaubten, des möglicherweise Frauenfeindlichen und das bloße Sexuelle ihr Erleben von Lustgefühlen. Die hohe Ambivalenz des scheinbar Gegensätzlichen, erstickt bei vielen Frauen die Lust im Keim. Nur diejenigen, die sich sehr mit ihrem sexuellen Erleben auseinander gesetzt haben, können zuverlässig angeben, dass sie durch das Anschauen pornografischer Filme sowohl erregt werden, als auch Lust verspüren.

Ganz schön aufwendig also dieser Prozess des Prüfens und Bewertens. Da wird vielleicht nachvollziehbar, warum Frau deutlich länger brauchen kann, um sich auf eine erotische Situaton einzulassen.

Der letzte missverständliche Unterschied in punko weibliche Sexualtität, den Nagowski benennt, ist: „Frauen sollen spontan und aus heiterem Himmel Lust auf Sex haben! Doch das ist für jede dritte Frau unmöglich, weil sie ein responsives Verlangen spürt, d.h. sie empfindet erst dann Lust, wenn etwas ziemlich Erotisches passiert.“ Bei Männern scheint dies ganz anders zu sein. Drei Viertel aller Männer verhält sich sexuell spontan. Das heißt, ein Mann sieht eine attraktive Frau und kann sich in seinen Gedanken spontan Sex vorstellen. Und das ist für die meisten Frauen überhaupt nicht nachvollziehbar.

Wie nun mit diesen Unterschieden des subjektiven Erlebens umgegangen werden kann, ist das häufigste Thema innerhalb der Paartherapie und Sexualtherapie. Es kann nicht darum gehen, welche Form des Erlebens die Bessere, Leichtere oder die „Normalere“. ist, sondern meine Aufgabe als Sexualtherapeutin liegt darin, beide Partner dazu anzuregen sich mit ihrer sexuellen Persönlichkeit auseinanderzusetzen und dafür einzustehen. Nur dann kann das Paar auf Augenhöhe mit trennenden Unterschieden umgehen und befriedigende Lösungen finden.

 

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich erlebe gerade wie meine Cousine, nach 18 Jahren Asexualität in der Ehe, lernen muss sich Lust zu erlauben. Sie scheint geradezu Angst zu empfinden, mit ihrer Lust alleine dazustehen. Dies war der Grund für das Liebes-Sterben in der Ehe. 3 Minuten Penetration sind nicht das Gelbe vom Ei. Aufgrund völlig fehlender Abgrenzung und eigener Räume, war Autosexualität auch keine Option. Fehlende Anerkennung, Nähe, Respekt etc. und der Selbstwert ist komplett im Keller.
    Nun steh ich mit diesen Informationen da und (ver)zweifle an Empathie.

  2. Ich finde das sehr interessant. Ich habe selbst oft multiple Orgasmen ohne Lust zu empfinden. Ich wurde als Kind sexuell missbraucht. Mein Partner hat oft Sex, der mir vom Kopf her so vor kommt als wäre es mir zu viel, aber trotzdem komme ich. Er sagt dann immer, dass ich zugeben soll, dass es mir gefällt. Und ich bin total verwirrt, weil ich ja sehe, wie mein Körper reagiert. Ich dachte, dann ich hätte mir vielleicht aufgrund meiner Vergangenheit eingeredet es nicht zu mögen.
    Gleichzeitig komme ich nicht und werde ich nicht feucht wenn wir nur ruhigen / romantischen Sex habe….Das würde dann ja gegen einen „automatischen “ Orgasmen sprechen, weil ich ihn ja nur in manchen Situationen habe.

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