„Lustvoll Mann Sein – Expeditionen ins Reich männlicher Sexualtität“ Eine Buchkritik

„Bist Du ein normaler Mann?“

Mit dieser Frage beginnen die Autoren des Buches „Lustvoll Mann Sein“ – Expeditionen ins Reich männlicher Sexualtiät, jedes ihrer 15 Interviews. Es kommen ganz unterschiedliche Männer zu Wort. Gemein ist ihnen, dass sie sich ausnahmslos auf den Weg gemacht haben, ihre Beziehungen, erotischen Bedürfnisse und Beschränkungen, ihre Konflikte und Ängste in der Sexualität zu reflektieren.

Zutage tritt ein Bild von Mann Sein, wie es viele Leser und Leserinnen vielleicht gar nicht erwarten würden, hält sich doch ein Bild vom Mann: Allzeit bereit, immer wollend und könnend. Heißt es doch sehr treffend auf dem Cover: „Aufreißen, Flachlegen und das war´s?“
Hier lernen wir 15 Männer kennen, die Lust und Liebe verbinden wollen, die emotional zugänglich erscheinen und sehr offen über ihre jeweiligen Konflikte sprechen. Zum Beispiel ihrer Angst, für Sex emotional bezahlen zu müssen, ihrer Freude, nicht mehr nur auf den Orgasmus fixiert zu sein, ihrer Genussfähigkeit, die Lust auf Zärtlichkeit, aber auch den Konflikt zwischen dem Wunsch nach Treue und dem Wunsch nach erotischer Weiterentwicklung. Ganz normale Männer eben?

Hier beginnt für mich eine Einschränkung des Buches. Die beiden Autoren Riek und Salm gehören der „Tantraszene“ an und haben ihre Interviewpartner weitgehend daraus rekrutiert. Es kommen deshalb eben keine „normalen“ Männer zu Wort, wenn ich das Wort normal mit durchschnittlich gleichsetze.
Ich hätte mir mehr Varianz in den sehr einfühlsam beschriebenden Interviews gewünscht. Durchschnittliche Männer. Männer, die gerne aufreißen, genauso wie Männer, die dies eben nicht gern tun. Das Buch fokussiert auf Männer, die Lust, Beziehung und Liebe verbinden wollen, also den hellen Bereich ihrer Sexualtität leben. Das freut mich als Frau, aber mir fehlen in den Interviews die dunklen Seiten der Sexualität, so habe ich mich beim Lesen manchmal gelangweilt, vielleicht auch deswegen, weil durchweg eine tantrische Sicht auf die Sexualität durchschien. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das Buch gewöhnliche Männer anspricht und abholen kann, falls dies intendiert wäre.

Trotz meiner Kritik finde ich es (auch für oder gerade für Frauen) ein lesenswertes Buch, nicht zuletzt wegen der immer zwischen den Interviews erscheinenden Gedankensplitter der Autoren. In jedem dieser Gedankensplitter findet sich interessanter theoretischer Hintergrund, der zum Weiterdenken anregt.

Besonders anschaulich fand ich das Kapitel „Was will der Mann – Kontinente auf dem Planeten Sex.“ Ich finde auch die grafische Darstellung eine gelungene Hilfestellung für Eigenreflexion, Beratung und Therapie. Übrigens nicht nur für Männer, sondern auch für uns Frauen.
Sehr anregend auch die Fragen zur sexuellen Selbsterforschung, eine schöne Anleitung, mal über sich selbst nachzudenken und vielleicht vielmehr neue Fragen als Antworten zu finden.

Alles in allem ein gelungenes Buch, das versucht Erleben und Theoretisches Denken zu verbinden. Eine Gradwanderung, die gut gelungen ist.

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