Partnerschaft ohne Sex – funktioniert das?

 

Als Frau Jurgelucks mich bat, einen Gastbeitrag für ihren Blog zu schreiben, weil es so wenig Beiträge aus männlicher Sicht gibt, war ich zunächst merkwürdig berührt und wusste nicht so recht, was ich schreiben sollte. Da sie um den Zustand meiner Ehe wusste, regte sie an, etwas über das Thema vollkommenes Fehlen von Sex in einer Beziehung zu schreiben.

Ich möchte zunächst versuchen, zu schildern, wie es überhaupt dazu kam und im Anschluss versuchen, zu er- und begründen, wie und warum ich trotzdem so lange in der Ehe „ausgeharrt“ habe, obwohl mir die körperliche Komponente in meiner Ehe sehr gefehlt hat.

Meine Frau und ich haben uns während des Studiums kennengelernt. Ich hatte im Vorfeld einige negative Erfahrungen mit Frauen gemacht, die mein ohnehin nicht sehr stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein nahezu vernichtet hatten. Bis ich meine Frau kennenlernte, hatte ich eine ziemliche „Durststrecke“ hinter mir, was den Kontakt zu Frauen anbelangte. Entsprechend hatte ich meine Erwartungen bereits ziemlich heruntergeschraubt. Nun war da eine Frau, die sich tatsächlich für mich interessierte, ja, die sogar meinte, dass sie mich attraktiv findet, dass sie mich gern mag. Also habe ich mich auch nicht gewehrt, als ich dann „erobert“ und verführt wurde. Die Crux an der Geschichte war, dass ich einerseits froh war, endlich eine Frau gefunden zu haben, die mich so akzeptierte, ja vielleicht sogar liebte, wie ich war, andererseits entsprach sie überhaupt nicht meinem ästhetischen Empfinden. Trotzdem stellte sich tatsächlich eine gewisse Verliebtheit ein, der Sex hat Spaß gemacht und auf intellektueller Ebene verstanden wir uns hervorragend.

In den folgenden zehn Jahren unserer Partnerschaft kühlte die erste Verliebtheit naturgemäß irgendwann ab, und ich interessierte mich (nicht oft, eher sporadisch) für andere Frauen, die aber in mir nie auch nur ansatzweise mehr gesehen haben, als einen „guten Freund, dem man alles erzählen kann“, also eher sowas wie eine Bruderfigur. Diese Erfahrungen waren wiederum ziemlich ernüchternd für mich. Parallel dazu ging das sexuelle Bedürfnis meiner Partnerin im Laufe der Zeit immer weiter zurück, ohne dass für mich ein erkennbarer Grund vorhanden war. Meine Partnerin hatte von Anfang an eine geringere Libido als ich, von daher war das wohl mit dem Verfall der ersten Verliebtheit fast absehbar. Nach zehn Jahren Partnerschaft haben wir uns dann entschlossen, unter anderem aufgrund des Übergangs in das Arbeitsleben und aus steuerlichen Gründen (ja, total romantisch, nicht wahr?), zu heiraten.

In den folgenden Jahren vergrub ich mich extrem in meiner Arbeit, die auch mit Reisetätigkeit verbunden war. Das hatte den positiven Nebeneffekt, dass meine Frau und ich und relativ selten sahen und dadurch lange Zeit eine gewisse Anziehungskraft erhalten blieb. Nichts desto trotz tendierte das Sexualleben immer weiter gegen null. Aufgrund dieser Tendenz und einer neu dazugekommenen Angst meiner Frau vor Thrombosen setzte sie die „Pille“ ab. Die nachfolgenden Experimente mit alternativen Verhütungsmethoden verliefen allesamt nicht zufriedenstellend. Das bei weitem Schlimmste jedoch war die mit dem Absetzen der Pille einhergehende Veränderung des Körpergeruchs meiner Frau. Außerdem hatte meine Frau im Laufe der Jahre erheblich an Gewicht zugelegt. Somit kamen mehrere parallele, schleichende Effekte zusammen:

  • Meine Frau verspürte immer weniger Lust auf Sex. Die laufenden Abweisungen meiner Annäherungsversuche führten irgendwann dazu, dass ich nur noch gefragt habe, ob überhaupt eine Chance bestünde, sie zum Sex zu bewegen. Als auch diese Fragen permanent mit „Nein“ beantwortet wurden, habe ich irgendwann auch aufgehört zu fragen.
  • Der Austausch von Zärtlichkeiten im täglichen Leben wurde immer weniger und blieb irgendwann beinahe vollständig aus.
  • Meine Frau veränderte sich körperlich so sehr, dass sie für mich nicht mehr attraktiv war.

 

Das war sozusagen der Schnelldurchlauf von beinahe 30 Jahren Partnerschaft. In all diesen Jahren haben wir uns trotzdem nach wie vor sehr gut auf intellektuellem Niveau verstanden, ähnlicher Musikgeschmack, ähnlicher Humor, ähnlicher geistiger Horizont. Das, im Zusammenspiel mit meinem „Vergraben im Job“, hielt die Partnerschaft trotz aller Widrigkeiten lange zusammen. Das fatale an der Sache war, dass ich quasi innerlich akzeptiert hatte, dass das wohl der normale Lauf der Dinge sei und ich habe meine Gefühlswelt irgendwo in den Tiefen meines Ichs vergraben und nach und nach einen Deckel daraufgeschraubt.

 

Warum schildere ich Ihnen diesen Werdegang überhaupt, wo führt diese Geschichte hin? Vor ca. 2 Jahren hatte ich eine sehr intensive, rein platonische Beziehung zu einer jungen Frau, die zu dieser Zeit unter massivem Liebeskummer litt. Wir haben uns sehr intensiv geistig und seelisch ausgetauscht, uns sozusagen gegenseitig ein wenig Halt gegeben. Diese junge Frau konnte weder meine Geschichte verstehen oder nachvollziehen, noch konnte sie verstehen, dass ich nicht (mehr?) an die Liebe glaubte. Da wir uns wirklich auf einer unheimlich tiefen, seelischen Ebene verständigen konnten, hat sie quasi den Deckel von meinem Gefühlsgrab wieder geöffnet. Das war im ersten Moment eine durchaus schmerzhafte, aber auch augenöffnende Erfahrung für mich. Zudem versicherte sie mir, dass es bestimmt „da draußen“ Frauen gäbe, die mich attraktiv fänden und die auch sicher Interesse an meiner Person bzw. einer Beziehung mit mir hätten (sie selbst ist 20 Jahre jünger als ich und wollte sich auch nicht mit einem verheirateten Mann einlassen).

Nachdem dieser Austausch, der immer mal wieder stattfand, mir einen Schubs in die richtige Richtung gegeben hatte, habe ich tatsächlich den Glauben an die Liebe wiedergefunden. Das Schönste für mich ist, dass ich aktuell eine Frau kennengelernt habe, die mir genau das an Gefühlstiefe gibt, was ich so lange Zeit schmerzlich vermisst habe. Ich hatte nie wirklich daran geglaubt, dass es das wirklich gibt. Für diejenigen unter Ihnen, denen es ähnlich geht: ja, das gibt es! Eine Frau, die mich seelisch so tief berührt, die ich offenbar ebenso berühre, mit der ich mich austauschen kann, die mich innerlich zum Klingen bringt. Und dass ich „nebenbei“ auch noch wirklich großartigen Sex erlebe, ist das Tüpfelchen auf dem i.

In der Retrospektive muss ich eingestehen, dass das Ausharren in einer mittlerweile lieblosen Ehe der größte Fehler meines Lebens war und in weiten Teilen einfach nur einer riesigen Angst vor dem Alleinsein geschuldet ist. Nach langer, reiflicher Überlegung konnte ich nur zu einem Schluss kommen. Auch wenn ich aktuell noch nicht weiß, wo mich meine neuen Erlebnisse und Erkenntnisse hinführen werden, so ist mir doch eins klargeworden: es gibt immer Auswege und ich muss die letzte Konsequenz ziehen, auch wenn es erstmal schmerzhaft wird. Sowohl meine Frau als auch ich haben noch eine Chance verdient, glücklich zu werden. Vermutlich nicht miteinander.