Sex, der die Seele berührt und „satt“ macht….(Teil 2)

Meine regelmäßigen Leser und Leserinnen haben sich wahrscheinlich schon gewundert, wo denn der versprochene Beitrag bleibt, der die Reise zu intensiverem erotischen Erleben fortsetzt….

Nun ist die Lebendigkeit des Schreibens immer ein offener Prozess, und diejenigen, die meinen Blog regelmäßig lesen, kennen bereits meine inneren Anteile, die am Schreibprozess beteiligt sind. (Für ErstleserInnen: Beitrag vom 26.06.2015) Unglücklicherweise musste Frau Rottenmeier (bei mir für Disziplin und Ordnung zuständig) ihren gesamten Jahresurlaub nehmen. Außerdem hatte sie eine Menge Überstunden angesammelt, denn sie lässt den übrigen kreativen Haufen aus gutem Grund nicht gern allein…… Und siehe da, sie hatte Recht mit ihrer Vermutung. Kaum tritt sie ihren Urlaub an, schlagen die anderen über die Stränge. Nicht, dass sie nichts erlebt und keine Lust zu Schreiben gehabt hätten, aber für das termingerechte Schreiben braucht es Frau Rottenmeiers Disziplin.

Und vielleicht kennen Sie das von früher, wenn ihre Eltern über das Wochenende verreist waren: Wenige Stunden vor ihrer erwarteten Ankunft wachsen Sie über sich hinaus und räumen in Windeseile auf, um dann völlig entspannt auf dem Sofa sitzend, ihre Eltern in einer aufgeräumten und sauberen Wohnung zu begrüßen, als sei es immer so gewesen.

Jeder wohl verdiente Urlaub geht einmal zuende, und so steht Frau Rottenmeiers Ankunft kurz bevor, und ich schreibe diesen Beitrag, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Ich möchte heute mit Ihnen darüber nachedenken, wie Sie in Ihrer Erotik und Sexualität mehr Intimität erleben können.  Und wir beginnen mit den wichtigsten Fragen überhaupt: Wissen Sie denn, was sie erleben möchten? Haben Sie eine Idee davon, welche Bedürfnisse gesehen und geachtet werden wollen? Kennen Sie Ihre Sehnsüchte? Und haben Sie ein Gespür dafür, dass erotisches Erleben sich ganz unterschiedlich zeigen kann, je nach Stimmung und Kontext?

Wie immer finde ich viele interessante Denkanstöße im Gespräch mit Paaren. Gestern hatte ich das Glück, dass ich – mit einem von mir sehr geschätzten Paar – genau über dieses Thema sprach. Wir unterhielten uns über den inneren erotischen Erlebensraum der Frau, zu dem es unterschiedliche ZugangsWege zu geben schien, und bei genauerer Betrachtung im Gespräch merkten wir, dass es sich eigentlich nicht um einen erotischen Raum handelte, sondern um ein ganzes Haus, in dem viele erotische Räume nebeneinander lagen.

In jedem Haus gibt es eine Anzahl unterschiedlichster Zimmer. Je nach Funktion und Nutzung dieser Zimmer, können sie ganz unterschiedlich eingerichtet sein. Jedes Zimmer hat seine eigene Stimmung und Ausstattung. Einige sind hell und häufig genutzt, gemütlich, vertraut und der Öffenlichkeit zugänglich, andere sind wenig bewohnt, vielleicht sogar leicht verstaubt. Und wieder andere liegen völlig im Dunklen, da kennt sich niemand aus, vielleicht machen sie sogar Angst.

All dies haben wir in uns: In manchen Zimmern möchten wir allein sein, andere bieten Besuch behagliche Gastfreundschaft an. In manchen ist es aufregend und andere bieten Überraschungen, mit denen selbst der Bewohner nicht gerechnet hat.

Wenn wir in diesem Bild bleiben, dann wird deutlich, dass es keine gültige Defintion davon geben kann, was lustvolle, intensive Erotik ist. Was unsere Seele berührt, wenn sie denn berührt werden möchte, und was uns satt macht, wenn wir denn satt werden wollen, hängt ganz stark von dem ab, in welchem inneren Raum wir uns gerade bewegen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Mann möchte beispielsweise ein häufig genutzes, gemütliches Zimmer aufsuchen. Hier ist alles bekannt und sicher. Aber aus irgenteinem Grund hat sich die Frau entschieden, mal vorsichtig einen ihrer dunklen, eher unbewohnten Räume zu entdecken: Missverständnisse und Konflikte sind vorprogrammiert, wenn sich beide nicht im Klaren darüber sind, was sie genau erleben wollen. Im Raum des Mannes kann erotische Geborgenheit, Sicherheit, Liebe und Gemütlichkeit gefunden werden. Im Raum der Frau geht es um Neues, Mut zum Risiko, vielleicht Intensität.

Wenn wir die Frage nach intensivem erotischen und sexuellem Erleben stellen, dann können wir uns die Frage stellen, was wir tun können, um mehr zu begehren, mehr zu genießen. Und wie können wir dies intensiv als Erregung in unserem Körper spüren. In diesem Beitrag soll es vor allem um das Begehren gehen.

Jetzt möchte ich mit Ihnen gemeinsam einen Raum betreten, in dem es vorrangig um Intimität geht. Was ist mit Intimität gemeint? Esther Perel eine bekannte amerikanische Therapeutin definiert sie in einem Interview der Zeitschrift emotion folgendermaßen:

„intimacy ist into-me-see: Wenn ich Dir regelmäßig etwas von mir erzähle, lade ich Dich ein, einen Blick in mein Innerstes zu werfen. Lieben heißt, den anderen zu erkennen. Begehren heißt, sich selbst zu kennnen. Es gibt kein Begehren, wenn Sie sich selbst nicht liebens- und begehrenswert fühlen, wenn Sie nicht ein Minimum an Selbstwertgefühl, Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz haben. Begehren bedeutet, sich das Wollen zuzugestehen, es sich zu eigen zu machen. Wenn ich will, dann muss ich wissen, wer ist das Ich, das will. (…) Stellen Sie sich Sexualität als eine Einladung vor, meine Grenzen zu penetrieren. In mich einzudringen, nicht nur in meine Körperöffnungen, sondern in mein Universum. Wenn ich nicht mag, was drin ist, warum sollte ich Dich dann einladen, dort hineinzukommen? Ich muss es nicht nur kennen, sondern auch schätzen (…) Wenn sie also wirklich wollen, dann müssen Sie ihre Komfortzone verlassen,“ so Perel.

Vielleicht  können Sie sich jetzt vorstellen, die oben genannten Räume zugrunde legend, dass es in diesem Raum nicht nur gemütlich, sicher und warm ist, sondern vielleicht ganz und gar unkomfortabel, beängstigend, vielleicht sogar verstörend. Das wollen viele Paare nicht erleben, darum suchen sie lieber einen Raum auf, der absolut berechenbar und sicher ist, damit aber auch  langweilig und einschränkend sein kann.

Ulrich Clement, einer meiner sexualtherapeutischen Lehrer, meint, dass die individuelle Sexualtiät beider Partner im Laufe der Partnerbindung immer weiter zugunsten einer dyadisch gelebten Sexualität aufgegeben wird. Er nennt dies den kleinsten gemeinsamen Nenner. Gelebt wird nur das, von dem angenommen wird, dass es der Partner auch schätzt. Phantasien, Wünsche und Praktiken, von denen gewusst oder angenommen wird, dass sie „verboten“ sind, werden nicht mehr offen gewünscht. kommuniziert und gelebt. Durch den kleinsten gemeinsamen Nenner werden die sexuellen Optionen eines Paares also immer weiter eingeschränkt.

Nun könnte man sich fragen, warum Paare sich freiwillig in ihren Möglichkeiten beschneiden?

Ein  sexuelles Sript oder Drehbuch, welches wir alle in uns tragen, kann sehr intim sein. Es umfasst vergangene Erfahrungen, die gegenwärtige Aktivität, Werte, Einstellungen, Vorlieben und Abneigungen, Fähigkeiten sowie Wünsche und Phantasien. Ausgehend von der Prämisse, dass Sexualität nicht nur „gute“ Anteile hat, sondern auch tabuisierte, kommen den sexuellen Phantasien und Wünschen eine große Bedeutung zu. Kann sich ein Partner dem anderen mit seiner Unterschiedlichkeit, von der er nicht weiß, ob sie geteilt und gebilligt wird, zumuten?
Die Frage nach den Unterschieden kann Angst machen. Da die meisten Paare dieser Angst nicht begegnen möchten, wird die erotischen Interaktion zu gunsten der Sicherheit stark eingeschränkt, deshalb können Langeweile und wenig erotische Spannung die Folge sein.

In unserem Bild bleibend ist es das sich gemütlich machen im lichten Wohnzimmer mit regelmäßigem Fernsehabend. Geborgenheit spendend, aber auch müde machend.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für Begehren und Wollen ist der Umgang mit Nähe und Distanz. Wie kann ich begehren, was ich jederzeit haben kann. Wie kann ich begehren, was so nah ist, dass ich es nicht mehr erkennen kann?

Wir alle haben Lust auf Neues, Unbekanntes, Unerreichbares und Limitiertes. Etwas, was nicht sicher ist, etwas wir immer wieder neu kennenlernen müssen. Auch dies ist mit dem Bedürfnis vieler Paare nach Sicherheit nicht vereinbar. Wie oft höre ich, wenn Affären auffliegen: „Ich dachte, ich weiß alles von meinem Partner, meiner Partnerin. Ich dachte, ich kenne sie/ihn in- und auswendig. Dieses sich In- und Auswendig kennen erweist sich regelmäßig als Trugschluss, denn wir kennen unsere Partner nie vollständig, und das finde ich auch gut so. Denn bei aller Liebe, Zuneigung und geteiltem Leben, hat jede/r das Recht auf Autonomie und Privatsphäre, zu der niemand anders uneingeschränkten Zutritt hat.

Vielleicht  ist es wichtig, sich zu verdeutlichen, dass für Partnerschaft und Liebe andere Regeln gelten als für Sexualität und Erotik.

Etwas, was das Begehren ins Unermessliche steigern kann, ist die Sehnsucht. Wolfgang Hantel-Quitmann, der ein Buch (Sehnsucht – das unstillbare Gefühl) dazu  verfasst hat, schreibt: „Vom Lebenshunger und Liebesdurst – Wer sich verstehen will, muss seine Sehnsüchte verstehen.“ Weiter heißt es: „Sehnsucht ist der ungestillte Hunger und Durst der Seele. Sie ist die Vorfreude auf ein erhofftes Ereignis und manchmal befriedigender als das Ereignis selbst. (…) In der Vorfreude sind noch alle Möglichkeiten enthalten (…) vor dem Sex erscheinen Leidenschaft und Befriedigung wie ein endloser Rausch, vor der Ehe erscheint die Liebe einmalig und dauerhaft, vor den Kindern jedes Familienleben harmonisch. (…) Wer die Sehnsucht lebt, sie spürt, ihr nah ist, der wird im positiven Falle ein unruhiger Geist, und leidet im negativen Fall unter einer anstrengenden Erregung, die ihn dauerhaft suchend und niemals zufrieden sein lässt.

Der Sehnsuchtsraum in unseren erotischen Häusern ist sicherlich höchst individuell. Ich habe Menschen erlebt, die keinerlei Sehnsuchtsräume in ihren Häusern beherbergen, die Sexualität eher pragmatisch regeln, zum Beispiel als feste Verabredung, auf die sich beide vorbereiten und dann auch ihr Vergniügen finden.
Aber ich lerne auch viele Menschen kennen, in denen die Sehnsuchtsräume größer sind als jedes andere Zimmer. Gemeinhin bezeichne ich sie als Romaniker, und wir erkennen einander.

Zum Abschluss dieses Beitrags möchte ich Ihnen noch ein paar ganz konkrete Möglichkeiten zu mehr erotischer Intimität vorstellen, die Sie ausprobieren können.

1. das Diener-Meister Spiel
Ein sehr spannendes und herausforderndes Spiel für Paare, das ich vor 25 Jahren bei einem Tantraseminar kennen lernte. Sie verabreden sich zu einem festen Termin für circa 90 Minuten. Vorher muss festgelegt werden, wer welche Rolle übernimmt. Der Meister darf sich in dieser Zeit vom Diener alles wünschen, was sein Herz oder Körper begehrt, und der Diener versucht diesen Wünschen, so gut es geht, nachzukommen. (Absolute No-Goes müssen vorher besprochen werden)
Was glauben Sie, welche Rolle schwieriger ist? Für die allermeisten Menschen ist die Meisterrolle die schwierigste, denn hier dürfen Sie wünschen, was Sie wollen! Aber gleichzeitig zeigen Sie sich mit Ihren Wünschen, ohne zu wissen, was der Diener darüber denkt. Eine klassische Intimitätsübung, die mit Risiko verbunden ist. Nur ein einziges Mal habe ich erlebt, dass eine Frau nicht dienen wollte…
Das Diener-Meister Spiel kann aber auch sehr genussvoll sein, wenn es gelingt, sich seinen Wünschen hinzugeben und das, was Sie bekommen, voll und ganz zu genießen, ohne sofort im Zugzwang zu sein, auch etwas zurückgeben zu müssen oder  zu wollen.
Die ausgleichende und partnerschaftliche Gerechtigkeit erfolgt in der Woche drauf, wenn die Rollen gewechselt werden.

2. das erotische Zwiegespräch
Vielleicht kennen Sie das von Michael Lukas Moeller entwickelte Zwiegespräch. Hier handelt es sich genau wie beim Diener-Meister Spiel um eine 90minütige feste Verabredung einmal in der Woche, die man dazu nutzt, intensiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Unterschied zu einem normalen Zwiegespräch, in dem es den Partnern völlig frei steht, über was sie reden wollen, geht es im erotischen Zwiegespräch eben um das Erleben in der Erotik und Sexualität. Wie beim Zwiegespräch auch, hat jeder Partner 3mal 15 Minuten Redezeit, in der er nur durch Verständnisfragen unterbrochen werden darf. Der andere Partner hat die Aufgabe, anteilnehmend zuzuhören, aber nicht zu kommentieren. Bei Bedarf kann er während der eigenen Redezeit Bezug auf das Gehörte nehmen. Eigentlich handelt es sich bei beiden Formen der Zwiegespräche um Eigendialoge in Anwesenheit des Partners. Auch dies eine klassische Intimitätsübung, die viel Mut erfordern kann, deren Ernte aber vielversprechend ist. Für LeserInnen, die gerne nachlesen möchten, empfehle ich das Buch „Worte der Liebe: Erotiche Zwiegespräche; ein Elixier für Paare“ von Michael Lukas Moeller, für nicht themengebundene Zwiegespräche: „Die Wahrheit beginnt zu zweit; das Paar im Gepräch“.

3. erotische Karten- und Fragespiele
Für all diejenigen unter Ihnen, die es weniger ernst und gefährlich mögen! Erotische Karten- und Fragespiele erhalten Sie in jedem gut sortierten Erotikshop. Man kann sie zu mehreren oder aber auch zu zweit spielen. In der Regel finden sich auf den Karten eine oder mehrere Fragen zu Erotik und Sexualität, von denen Sie sich jeweils eine zur Beantwortung aussuchen können. Sie definieren also selbst, wieviel Sie offenbaren wollen. Ich nutze diese Karten in der Praxis gern für erotische Gruppengespräche, wenn sich die Teilnehmerinnen noch nicht gut kennen. So kommt man leicht und locker ins Gespräch, ohne sich selbst Fragen ausdenken zu müssen.

Nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Ausprobieren, und selbstverständlich würde ich mich über den einen oder anderen Kommentar sehr freuen. Wenn Sie Lust haben, teilen Sie mir Ihre Erfahrungen gerne mit.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Christiane Jurgelucks

      Sie müssen sich leider noch bis zum Sylvesterblog gedulden, den ich ja traditionell mir selbst widme, aber als aufmerksamer Beobachter entgeht Ihnen natürlich nichts. Danke für das Begleiten.
      Herzliche Grüße
      Christiane Jurgelucks

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