Sexualität und Erotik im höheren Lebensalter – eine kleine Sexshop Expertise

Wenn Sie meinen Beitrag “ Hamburg und das Glück“ gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich eingeladen wurde, einen Vortrag zum Thema Sexualtität im Alter zu halten. Ich finde, ein spannendes Thema.
Ich recherchierte bei You Tube und schaute mir entsprechende Beiträge an. Ziemlich spannend, was ich da sah, unter anderem einen Beitrag aus Japan, in dem ein älterer (76) Herr zu Wort kam, der sich auf den Pornodreh für Senioren spezialisiert hatte und plante, noch mindestens noch 4 Jahre in diesem Geschäft tätig zu sein. Nun weiß ich aus anderen Recherchen, dass die Japaner in Bezug auf das Ausleben ihrer Sexualität – sagen wir mal – ziemlich speziell sein können, dennoch beschäftigte mich die Frage, ob es diesen Markt auch in Deutschland gibt. Da, wo es etwas zu verdienen gibt, müsste sich eigentlich auch ein Markt entwickeln! So kam ich auf die Idee, bei meinem nächsten Hamburgaufenthalt in meinem Lieblingssexshop „boutique bizarre“ zu recherchieren. Was ich erlebt und herausgefunden habe, folgt jetzt in meinem Beitrag.

Montag Abend auf die Reeperbahn: Gähnende Leere und fast ein bisschen unheimlich, ganz anders als am Wochenende, wenn Menschen aus ganz Deutschland feiern und sich amüsieren. So betrat ich die Boutique und war fast allein. Ich hatte mir vorgenommen, herauszufinden, ob es eigentlich ein spezielles Angebot für Senioren gibt, so wie ich das im Filmbeitrag über die japanischen Verhältnisse gesehen hatte. Der Verkäufer – erfreut über Kundschaft – zeigte mir dann auch ein recht dürftiges Angebot an Pornos für Senioren mit „wohlklingenden“ Titeln wie „Geile Omis …………..“ Den Rest möchte ich hier nicht nennen, entsprach nicht meinem Geschmack und auch nicht meiner Sprache. Ich konnte mich wirklich nicht dazu durchringen, einen Film zu erwerben, selbst nicht für Forschungszwecke. Was ich aber, dank der netten Beratung – und das muss ich hier an dieser Stelle wirklich herausheben, ein tolles Verkaufteam – fand, war ein Kontaktmagazin, welches sich vorwiegend an Senioren richtete. Auch hier fand ich die Aufmachung nicht gerade stimulierend, aber 10 Euro für einen guten Zweck, konnte ich gerade noch verschmerzen.

Ich unterhielt mich dann noch länger mit dem Verkäufer, der mir erzählte, dass die Gruppe der älteren Erwachsenen einen großen Teil der Kundschaft ausmache, viele seien geschätzt zwischen 50 und 60 Jahre alt, aber es gäbe aber auch ältere Kunden, die deutlich in der Minderheit seien. Dennoch würde auch diese Gruppe nichts anderes kaufen, als andere Kunden auch. Insofern würde es sich nicht lohnen, seniorengerechtes Sexspielzeug auf den Markt zu bringen.

Während wir redeten, wir hatten ja Zeit wegen des Montags, konnte ich natürlich auch einen Blick auf die hereintretende Kundschaft werfen und fand das bestätigt, was er mir schon erzählte: Die meisten kamen als Paar und waren zwischen 40 und 60. Natürlich kamen auch Jüngere, ich hatte nur den Eindruck, dass sie weniger am Kaufen interessiert waren und eher am „Eventcharakter“. Die Boutique bizarre veranstaltet häufig kleine Events und wird natürlich auch gerne von „sündigen“ Stadtführungen heimgesucht. Bei meinem letzten Besuch traf ich auf Lilo Wanders, den Älteren unter Ihnen vielleicht noch ein Begriff, die eine sehr witzige Verkaufsveranstaltung von Sexspielzeug für eine Gruppe von Frauen zelebrierte. Das Zuschauen hat mir wirklich Spaß gemacht. Dann stieß mich eine junge Frau an: „Muss man die kennen?“ Ich antwortete: „In Ihrer Generation wahrscheinlich nicht, in meiner schon.“ Mein Kollege, mit dem ich auf einer Weiterbildung war, grinste.

Aber zurück zu den Events. Der Verkäufer erzählte mir, dass die Boutique biszarre häufig auch Workshops veranstalte, vor allem zu den Themen Bondage, SM und Fetisch, daher der Name „bizarre“. Hier seien die TeilnehmerInnen häufig im höheren Erwachsenenalter. Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen aus der Praxis. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt für viele Paare eine neue Zeit. Nicht wenige beschäftigen sich dann mit ihrer Sexualtität und entwickeln ihre Erotik weiter.

Es scheint doch so zu sein, dass die Vorstellung in unseren Köpfen nichts mit der gelebten Realität zu tun hat. Vielleicht nimmt die Lust auf den Geschlechtsverkehr ab, auch durch körperliche Einschränkungen bedingt, aber die Lust auf Liebe und Erotik scheint bei vielen Menschen bis ins hohe Alter gelebt zu werden, auch wenn wir es in der Öffentlichkeit nicht so wahrnehmen.

Zurück in meinem Hotelzimmer, blätterte ich in dem recht dicken Kontaktmagazin und wunderte mich schon über die sehr eindeutigen Fotos und die nicht weniger eindeutig formulierten Wünsche. Hut ab! Ich glaube, ich würde mich nicht trauen, ein Nacktfoto von mir zu veröffentlichen, was wirklich überhaupt nicht dem gängigen ästhetischen Ideal entspricht. Ich rieb mir die Augen. Was mir außerdem auffiel, war die häufige Aussage: Alter und Aussehen egal, Freundlichkeit, Zärtlichkeit und Experimentierfreude wichtig, keine finanziellen Interessen. Der älteste Interressent war weit über 80, die älteste Interessentin immerhin Anfang 80. Das hätte ich nicht gedacht. Genau wie bei den jüngeren Erwachsenen gab es für jede Phantasie das passende Angebot: Eine 20jährige, enttäuscht von jungen Männern suchte den echten „Kick“ mit einem mindestens 75jährigen. Auch das gibt es, übrigens auch mit jungen Männern und alten Frauen.

Eine Klientin von mir, unterwegs auf erotischen Internetseiten, kann sich über die Nachfrage von jungen Männern nicht beklagen.

In der Mitte des Heftes dann mehrere Fotostrecken, alle mit deutlich gealterten AkteurInnen. Ich muss zugeben, ich fand es etwas befremdlich, aber ich habe sowieso wenig erotische Freude an pornografischen Darstellungen. Einfach nicht mein Kanal. Im Zuge meiner Profession bin ich immer auf der Suche nach „erregendem Material“, was ich meinen KlientInnen empfehlen kann, aber bislang habe ich noch keinen einzigen Porno-Film gefunden, den ich spannend fand. Spätestens, wenn der Sexakt dargestellt wird, fange ich an, mich zu langweilen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, und bin dankbar für gute Empfehlungen. Bis dahin bleibt das Pornoschauen harte Arbeit, wie wahrscheinlich die Produktion auch.

Was mich im Zuge meiner Recherche noch beschäftigte, war die Frage: „Macht Sex eigentlich glücklich?“ Oder ist es die Erotik? Vielleicht fällt Ihnen dazu etwas ein. Gerne lese ich Ihre Kommentare.

Dieser kleine Beitrag über die Recherche im Sexshop kommt in meinem Vortrag kommenden Samstag nicht explitit vor. In Kürze können Sie lesen, was es vielleicht noch zum Thema Sexualtät und Erotik im Alter zu sagen gibt. Bis dahin sind Sie hoffentlich angeregt, einmal darüber nachzudenken, wie Sie Ihr erotisches Leben im Alter gestalten möchten.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mir scheint der Vorteil des älterwerdens zu sein, dass ich zunehmend eine gewisse Scham- und Tabulosigkeit bei mir bemerke… die Schnarch’sche Cellulitisthese könnte zutreffen!

    Überdies habe ich kürzlich festgestellt, dass ich über Sex auch ernsthaft reden kann, sogar mit dem eigenen Partner 🙂

    Bin nun gespannt, ob mein Geburtstagswunsch nach einer Streichelfeder erfüllt wird…

    Viel Erfolg am Samstag!

    • Christiane Jurgelucks

      Ja, da haben Sie absolut recht. Ich bin auch mutiger geworden mit dem „Alter“.
      Und noch herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag nachträglich. Ich hoffe, Ihr Wunsch hat sich erfüllt, und Sie hatten eine gute Zeit.

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