„Und dann warst Du einfach weg!“ – Über den unfreiwilligen Abschied

Vor ein paar Wochen bekam ich eine bestürzende Mail. Eine liebe Kollegin ist tötlich verunglückt. Sie hatte verucht, ihre Mutter in den Bergen vor einem Absturz zu retten und ist dabei mit in die Tiefe gerissen worden. Beide sind tot.

Ich stehe in meiner Praxisküche und kann es nicht fassen. Obwohl ich Franscesca nicht besonders gut kannte, kann ich sie förmlich spüren, ihre Präsens, den runden Körper, ihre Fröhlichkeit und das ist das Wichtigste: ihre ehrliche Herzlichkeit. Was für ein Verlust.

Ich google und finde einen kleinen Zeitungsausschnitt, der den Unfallhergang beschreibt: Sie war mit ihrer Mutter und ihrem Sohn unterwegs in den Schweizer Alpen gewesen, als es passierte: der Fünfzehnjährige musste das Drama hilflos und ohnmächtig mit ansehen.

Mir laufen die Tränen. Mein Sohn wird auch bald fünfzehn, und es wäre für mich der schmerzlichste Gedanke überhaupt, ihn verlassen zu müssen, auch wenn ich weiß, dass er es überleben würde.

Auch ich war15, als mein Vater plötzlich verstarb. Meine Mutter weckte mich tief in der Nacht: „Papa ist tot. Setz Dich an sein Bett und bleib bei ihm! Ich versuche einen Arzt zu holen.“ Benommen stand ich auf, setzte mich an sein Bett und betrachtete den toten Papa. Dann fror ich ein. Einfrieren ist das Beste gegen unerträgliche Gefühle und gegen Angst.

Warum hatten sie mich nur allein gelasssen?

Irgentwann kam meine Mutter mit einem Arzt wieder. Ich saß immer noch in der gleichen Stellung. Der Arzt leuchtete meinem Vater mit der Taschenlampe in beide Pupillen, um den Tod festzustellen.

Meine Brüder und die Bestatter trafen gleichzeitig ein. Mein Vater wurde in die metallische Kiste gelegt. Es schepperte, und dann war er weg. Zuviel für den Verstand und viel zuviel für das Gefühl.

Weiter einfrieren!

Die Tage darauf verliefen wie im Film, die Beerdigung wurde organisiert. Die zurückgelassene Familie wuchs zusammen. „Wir halten zusammen – ganz unausgesprochen.“ Mein Vater war kein einfacher Mensch, und so wurde einiges im Leben – auch in meinem Leben – jetzt einfacher.
Ich war sein Lieblingskind gewesen. Nicht, dass ich das unbedingt gespürt hätte, denn wir hatten viele Konflikte, die wir nicht auflösen könnten, und mit denen ich nun zurückblieb.

In jenen Tagen beschloss ich, wichtige Dinge möglichst schnell zu sagen, und ich nehme jeden Tag Abschied von meinem Mann und meinem Sohn. Es ist mir wichtig, und der Gedanke, ohne Abschied zu gehen oder gehen zu lassen, unerträglich.

Drei Monate später starb unser langjähriger Hausarzt. Wir mussten mit zur Beerdigung, und ich heulte Rotz und Wasser, nicht wegen ihm. Ein kleines bisschen Auftauen.

Trotzdem konnte ich in den ersten Jahren überhaupt nicht trauern. Dafür ließ ich Menschen, die mir nah standen, jede Nacht in meinen Träumen sterben und überprüfte immer wieder, ob ich das aushalten kann.

Viele Jahre konnte ich nicht schlafen, nachts kamen die Bilder. Immer wieder sah ich meinen Vater aufgebahrt da liegen – meine Mutter hatte mich überredet, ihn Tage später in der Leichenhalle nochmal anzuschauen – leider ein ganz anderes Bild als ein frisch verstorbener Mensch. Ich traute mich nicht, meiner Mutter von meinen Empfindungen zu erzählen, und ich fühlte mich unendlich allein. Dafür hatte ich häufig Krach mit ihr, da sie merkte, dass ich nachts Radio hörte. Dabei fühlte ich mich mit den fremden Stimmen nicht so einsam. So ging das einige Jahre. Hilfe fand ich ganz unerwartet bei unserer Familienhausärztin, die sich bei voller Winterpraxis drei Stunden Zeit für mich nahm. Ich konnte ihr alles erzählen, sie verstand mich, ich fühlte mich aufgehoben, und ich bin ihr auch heute noch zutieftst dankbar für diesen Liebesdienst. Vielleicht habe ich unter anderem wegen dieser Erfahrung den Wunsch entwicklt, therapeutisch tätig zu sein.

Gott sei Dank, die Bilder verschwanden. Ich stürzte mich ins Leben, feierte, flirtete und lernte Männer kennen, so, als gäbe es kein Morgen. „Das Leben mit großen Löffeln essen“, so ähnlich lautete meine Devise, ohne dass ich mir dessen damals bewusst gewesen wäre. Es war einfach so, und ich versuchte möglichst viel zu erleben auch in der Erotik. Durch den Tod meines Vaters hatte ich gelernt, dass es morgen schon zu spät sein könnte, also lieber noch heute leben.

Ich interessierte mich für existenzielle Lebenserfahrungen, natürlich wollte ich sie nicht alle am eigenen Leib erleben, so kam ich mit der psychiatrischen Arbeit in Berührung. Fast alle Menschen, die stationär psychiatrisch behandelt werden, haben schwierige Lebenserfahrungen gemacht. In dieser Tabuzone des Lebens fühlte ich mich wohl – unter lauter „Ver-rückten“. Irgentwie fühlte ich mich auch nicht ganz gewöhnlich, und dort fiel ich nicht weiter auf. Es war eine wunderbare Schule des Lebens, auch wenn mir nicht alle Erfahrungen gefielen. Noch heute profitiere ich sehr von dieeser langen psychiatrischen Zeit, in der ich auch immer wieder mit dem Tod in Berührung kam. Hier allerdings in der Erfahrung der Selbsttötung von Patienten und der Erkenntnis, dass wir den Suizid nicht immer verhindern können, manchmal allerdings durch Beziehung hinauszögern.

Dazu fällt mir ein Patient ein, den ich vor vielen Jahren in Hamburg begleitete: Ich hatte Wochenenddienst, innerhalb der Woche war ich nicht für ihn zuständig, insofern kannte ich ihn nicht so gut. Aber an besagtem Wochenende war ich allein auf meiner Station. Der Arzt vom Dienst hatte mit ihm gesprochen und ihm erlaubt, die Station für einige Stunden zu verlassen. So kam er ins Stationszimmer und wollte sich abmelden. Ich schaute ihn an und hörte mich sagen: „Ich weiß, wenn Sie die Station jetzt verlassen, dann werden sie sich töten. Ich weiß, dass ich das nicht verhindern kann, aber ich möchte nicht, dass es mit mir passiert. Was halten Sie davon, wenn Sie nicht gehen, und ich mich an diesem Wochenende um Sie kümmere?“ Er schaute mich an und sagte zu. Wir hatten ein schönes Wochenende miteinander. In der Woche darauf tötete er sich selbst. Ich war nicht überrascht, und ich konnte es akzeptieren.

Im Laufe der Jahre habe ich eine Art Gespür für Gefahr entwickelt,  eine Kompetenz, die mir Schutz bietet, und die ausgesprochen intuitiv abläuft. Ich habe gelernt, meinen Empfindungen zu vertrauen, selbst, wenn es verrückt erscheint. Vor allem meine Angstgefühle in Bezug auf andere Menschen nehme ich sehr ernst.

Anders gehe ich mit „gewöhnlichen“ Angstgefühlen um. Da ich weiß, dass zu große Angst am Leben hindert, frage ich mich bei Ängsten, etwas Bestimmtes zu tun oder zu erleben, häufig: „Muss ich davon sterben?“ In der Regel beantworte ich meine Frage mit „nein“, und das bedeutet, ich kann mich auch trauen. Also Leben im Angesicht  des größten anzunehmenden Risikos, dem Sterben. Deswegen traue ich mich mittlerweile ganz schön viel, nur das Fliegen überzeugt mich noch nicht.

Meine Erfahrungen mit dem Tod haben mich sehr geprägt: Ich denke öfter an ihn, auch daran, wie ich gerne sterben würde, wenn es denn schon sein muss.

Aber noch häufiger denke ich an das Leben. Wie möchte ich leben? Lebe ich in Übereinstimmung mit mir selbst? Und wenn nicht, was kann ich selbst beitragen, damit ich so leben kann wie ich möchte. Die Frage: „Was würdest du tun, wenn du noch 3, 6 oder 12 Monate zu leben hättest“, stelle ich mir immer mal wieder, denn sie hilft mir dabei.

Aber natürlich verlieren wir Menschen nicht nur durch den Tod. Der häufigste Abschied ist die Trennung – für immer oder auf Zeit. Sich Trennen und Abschiednehmen. Ich kann es immer noch nicht besonders gut. Früher, wenn mein Mann für eine Woche wegfuhr, probte ich schon Tage vorher innerlich wie es wäre, wenn er womöglich nicht wiederkäme. Damit nahm ich schon vorher etwas Abstand, ging mehr aus der Beziehung als notwendig gewesen wäre. Durch die Erfahrung des plötzlichen Todes meines Vaters habe ich den Wunsch nach Kontrolle, also pobe ich den Ernstfall, damit ich überleben kann.

Wenn mein Mann dann zurückkam, dann musste ich erstmal wieder auftauen. Merkwürdigerweise war mir dieses innere Kontrollsystem lange nicht bewusst, bis mir mein Mann in einem Streit mal entgegenschleuderte: „Du tust ja schon Tage vorher, als sei ich tot!“ Als ich darüber nachdachte, musste ich ihm Recht geben. Ich schützte mich, indem ich mich mit dem worst case beschäftigte. Dadurch hatte ich das Gefühl, ich bin dem potenziellen Grauen nicht ganz so hilflos ausgeliefert. Das Problem war nur, dass Beziehungen drarunter litten.

Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr ganz so ausgeliefert, das Muster ist mir jetzt bewusst, und ich kann mich entscheiden, gegenzusteuern. Finanziell bin ich unabhängig, das heißt, ich könnte unseren Sohn und mich allein versorgen. Diese Tatsache hat mir übrigens ungemein geholfen, nicht mehr so viel Angst zu haben. Wenn ein Partner stirbt und der andere noch kleine gemeinsame Kinder zu versorgen hat, dann geht es auch immer um die Existenz. In diesem Zusammenhang hat mir mein Mann kürzlich vorgelesen, dass nach 2002 geschlossene Ehen nicht mehr im vollen Umfang von der Witwen- oder Witwerrente profitieren. Ich weiß gar nicht, wer das still und heimlich beschlossen hat.

Wenn an meine Arbeit in der Praxis denke, weiß ich, dass diese Schicksale gar nicht so selten sind. Ich habe schon einige Menschen in der Trauer begleitet und viel von ihnen gelernt. Das ist übrigens eine Arbeit, vor der ich keine Angst habe. Ich weiß ja, wie es ist. Und ich weiß, man kann überleben.

Ein sehr besonderer Fall ist der Tod eines Kindes. Der größte anzunehmende Ernstfall für einen Menschen, denke ich. Ich habe einmal – damals noch in der Beratungsstelle – eine Mutter begleitet, die ihre Tochter durch einen Unfall verlor. Manchmal klingelten mir nach 40 Minuten Beratung die Ohren, weil ich den mitgefühlten Schmerz kaum ertragen konnte, aber gemeinsam ging es immer besser. Oft konnten wir sogar lachen, und nach drei Jahren konnte sie ihr Leben wieder richtig genießen, obwohl sie in dieser Zeit zusätzlich noch ihren Mann an eine andere Frau verlor. Sie wird mir immer in Erinnerung bleiben, und sollte mir einmal etwas so Schreckliches passieren, dann wird sie mein Vorbild sein.

Ich weiß aber auch, dass Menschen an solchen Erfahrungen zerbrechen können, oder sie tauen niemals mehr auf. Ich bin dankbar dafür, dass es mir bisher immer gelungen ist, Krisen zu überwinden und sogar Stärke daraus zu gewinnen. „Aus Scheiße Gold machen“, so hat es ein Klient mal formuliert.

Ich wünsche allen Menschen, die jemanden, oder die etwas sehr wichtiges wie Heimat verloren haben, nicht dauerhaft einzufrieren. Teilt euch mit, sprecht mit anderen Menschen, findet Einfühlsamkeit und ein offenes Ohr. Und langsam zurück ins Leben!

Und ganz besonders wünsche ich es Dir, dem Sohn meiner Kollegin. Ich weiß nicht wie Du heißt, und wie es Dir jetzt geht. Ich wünsche Dir offene Ohren und Umarmungen von Menschen, die Du magst. Hoffentlich ist für Dich gesorgt, und Du kannst mit anderen Menschen sicher weiterleben.

Die einzige Chance dem Sterben zu entkommen, ist das Leben. Einfach – aber trotzdem manchmal so schwierig zu umzusetzen.

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Jurgelucks,
    ich finde Sie sehr authentisch. Besonders diese Geschichte über das Sterben. Ich glaube, man kann sich an Ihnen ein Beispiel für bewusstes Leben nehmen.

    • Christiane Jurgelucks

      Lieber Richard,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Authentizität ist mir sehr wichtig, aber ob ich als Beispiel für bewusstes Leben dienen kann, da bin ich nicht sicher. Ich freue mich allerdings, wenn ich durch meine Beiträge, ein bisschen zum Nachdenken und Innehalten anregen kann. Denn das ist aus meiner Sicht Voraussetzung für bewusstes Leben.
      Herzliche Grüße
      Christiane Jurgelucks

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