Und? Wonach sehnen Sie sich im Leben?

Das Jahr neigt sich dem Ende, und es wird höchste Zeit für meinen letzten Beitrag in diesem Jahr. Länger aufschieben geht nicht! Worüber also schreiben, wenn alles auf „Abschlaffen“ programmiert ist – in der Zeit zwischen den Jahren?
Frau Winnemuth hat mir in Ihrer Stern-Kolumne „Anleitung zum Drömeln“ gestern persönlich gratuliert, dass ich es offensichtlich geschafft habe, meine Wohnung zu verlassen, um den neuen stern zu erwerben. „Respekt, das packt ja wirklich nicht jeder: Irgentwie haben Sie es anscheinend vor die Tür geschafft oder zmindest zum Briefkasten (…) Auf jeden Fall sind Sie jetzt unter Aufbietung aller Kräfte in der Lage, den stern zu halten, durchzublättern und vielleicht sogar zu lesen. Das reicht dann aber auch für heute, ja? Mehr Anstrengung ist gesetzlich verboten in diesen Tagen, die man zwischen den Jahren nennt, die eigentlich zwischen Bett und Sofa heißen müssten. Es ist Niemandsland, Niemandszeit, herbeigesehnt und dann aufs Köstlichste verdrömelt,“ so Frau Winnemuth. Es sei Ihnen verraten, ich habe den stern gar nicht gekauft, es war mein Mann. Aber das nur am Rande.

So wie ich es schon im letzten Jahr gehalten habe, widme ich diesen Beitrag mir selbst. Sie dürfen selbstverständlich mitlesen und sich Ihren Teil denken und/oder mir Ihre Gedanken dazu schreiben. Worauf habe ich Lust? Anbieten würde sich natürlich eine Art Jahresrückblick verbunden mit einem Neujahresvorblick. Und dann sind ja auch die guten Vorsätze nicht weit! Wie machen Sie es? Halten Sie sich an das, was Sie sich für das neue Jahr vornehmen, oder gehören Sie auch zu denjenigen, die nach wenigen Tagen schon alles vergessen haben?

Viele Jahre habe ich mir Ende Dezember einen Brief geschrieben, angefüllt mit Träumen, Wünschen und ganz konkreten Arbeitsaufträgen für das neue Jahr. Und nach 12 Monaten habe ich mir diesen Brief vorgelesen und mich darüber gefreut, dass ich Ziele erreicht und manchmal sogar übererfüllt habe. Ich war stolz auf mich, dass ich etwas schaffen kann und genügend Disziplin habe. Vor allem aber freute ich mich, dass ich so wünschen kann, dass eine Chance auf Erfüllung besteht. Pragmatisches Wünschen also. Eine gewisse Lebensklugheit, das Machbare zu wollen.

Jetzt aber, ist es Zeit zu träumen und nach den Sternen zu greifen. Ich will mich dem Gefühl der Sehnsucht hingeben, jenes unstillbare Gefühl, das jeden Romantiker oder jede Romantikerin ein Leben lang begleitet. Die Sehnsucht nach dem, was so fern ist und doch so tief berührt.

Seit ich denken kann, war ich ein romantisches Mädchen. Träumen gehörte und gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich sehe mich als 8-jährige bei uns zu Hause in Westfalen auf dem Hühnerberg – einer kleinen Erhebung – mit geschlossenen Augen und weitausgebreiteten Armen. Der Wind rauscht, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich kann fliegen und bin an meiner geliebten Nordsee. Nichts und niemand kann mich aufhalten. Mein Herz schmerzt vor Sehnsucht. Ich muss dahin…unbedingt. Muss diesen Wind hören und diese Luft riechen. Diese unermessliche Weite und das Gefühl von Freiheit haben. Glückseligkeit pur. Sich die Welt schön machen und sich an den wunderbarsten Ort träumen.

Diese Sehnsucht nach Wasser, Wind und Weite ist bis heute geblieben. Wenn ich nicht schlafen kann, unternehme ich imaginäre Spaziergänge auf den ostfriesischen Inseln. Manchmal laufe ich auch auf meinem Hausdeich, der von Winsen an der Luhe (für die Uneingeweihten: Winsen liegt südlich von Hamburg) an die Elbe führt. Jenem Weg, den ich wahrscheinlich tausende Male lief, als ich noch im Norden wohnte. Ein Weg: abwechslungsreich, bekannt jeder Baum und jeder Strauch, sogar die Hunde, die dort liefen. Und dann der Geruch im Spätsommer: warmes trockenes Gras, so wie es nur Ende August riechen kann. Der Wind, der die Zitterpappeln zum Rauschen bringt, Musik in meinen Ohren. Und wenn Sie so einen Weg vor der Haustür haben, dann brauchen Sie sich nicht vornehmen, dass Sie dreimal die Woche walken gehen oder mehr Sport machen wollen, es wird zur seelischen Notwendigkeit, weil Sie sich nach diesem Ort sehnen, weil es gut riecht, es wunderbar klingt und die Augen sowohl Abwechslung als auch Ruhe haben. Sie müssen einfach.

Jahrelang habe ich mich nach diesem Weg gesehnt: Ich war schon 6 oder 7 Jahre in Karlsruhe, als ich an einem Freitag abend zu meinem Mann sagte: „Ich fahre morgen nach Hamburg, ich muss wissen, wie das mit diesem Weg ist! Ich will wissen, ob ich idealisiere, oder ob es wirklich noch so schön ist! So setzte ich mich nach vielen Jahren, in denen ich dort nicht gewesen war, morgens um 5:00h in den Zug und fuhr nach Hamburg und von dort aus nach Winsen und lief meinen Weg. Völlig verrückt: Es war der heißeste Tag des Jahres, sogar in Hamburg wurden knapp 37Grad gemessen, und ich lief in der prallen Sonne die 8km bis zur Elbe. Ich begegnete niemanden und malte mir aus, wie man mich verdörrt finden würde (unter Phantasiearmut litt ich noch nie). Schließlich erreichte ich die Elbe und setzte mit dem Schiff auf die andere Seite zum Zollenspieker über (googlen Sie mal!). Auch hier ganz allein, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr: Deutschland spielte Fußball und bereitete gerade das 2:1 vor, als ich in dem riesigen mit alten Eichen bewachsenen Biergarten eintraf. Fand einen alten Deckchair, holte Kaffee, legte die Füße im Schatten hoch und blickte auf die Elbe, machte das erste Selfie von meinen Füßen und dann von meinem Kopf und sehe auch heute noch die glücklichste Frau der Welt auf diesem Foto. Dann schoss Deutschland ein Tor: Jubel brach aus und verebbte wieder. Friedliche Stille, Sonne und Schatten zugleich, ein Kaffee, allein und dennoch überhaupt nicht einsam. Von allem wirklich berührt.

An jenem Tag wusste ich, dass ich jederzeit zurückkehren konnte, wenn auch nur für ein Wochenende, was ich seitdem auch häufiger tue. Viele Jahre hatte ich regelrechten Liebeskummer, wenn ich aus dem Norden kam. Wenn es ganz schlecht lief, dann folgten auf zwei Wochen Urlaub auf einer der Ostfriesischen Inseln drei Monate Trauer. Wochenlang starrte ich auf die Webcams, wahlweise in Westerland, auf Norderney oder Borkum und nicht zu vergessen die U3 an den Landungsbrücken in Hamburg.

Im Januar 2015 passierte allerdings etwas Seltsames: Ich verliebte mich in eine Baustelle. Als echte Hamburg-Liebhaberin beziehe ich das Hamburger Abendblatt und las einen kleinen Artikel über den östlichen Teil der Hafencity, den Baakenhafen, der nun bebaut werden sollte. Ein Schmerz fuhr mir direkt ins Herz, und ich wusste: Dort will ich wohnen. „Au weiha!“ Kennen Sie die Preise in der Hafencity? Unerfüllbar! Dennoch! Ich musste dahin! So fuhr ich und besichtigte den Ort. Ich sage Ihnen: Keine Pappeln und kein Sommerduft, dafür LKW-Lärm und Brache. „Willst Du hier wirklich wohnen?“ Enttäuscht ging ich zurück zum Hotel. Wahrscheinlich hatte ich Halluzinationen und mich einfach getäuscht. Der Herzschmerz im Januar war wahrscheinlich eine zufällige Muskelverspannung gewesen…., sagte die Realistin in mir.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Es war ein Samstag, und der Tag versprach sonnig zu werden. Ich setzte mich in den 111er Bus, der mich als einzigen Fahrgast direkt in die Hafencity fuhr und ging nochmal an den Platz vom Vortag, setzte mich auf den Bordstein vor der neuen Baakenhafenbrücke, blickte auf die Elbbrücken, hinter denen die Sonne gerade aufging und die Elbe in ein wunderbares Licht tauchte. Und auf einmal sah nur noch Potenzial. Es war um mich geschehen.

Seit einem Jahr besuche ich meine Baustelle regelmäßig. Ich weiß, wer dort baut und was er baut, und ich weiß, wo ich später einmal wohnen will…und wie ich meine Tage verbringen werde. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen schon erzählen soll, aber ich werde dort auch arbeiten und neben meiner Praxis hier in Karlsruhe eine weitere kleine Praxis aufbauen. Sie können in zwei bis drei Jahren also mal nachfragen, was daraus geworden ist….

Wenn ich bei mir selber in Beratung wäre, würde ich mich jetzt selbst fragen: „Frau Jurgelucks, wofür steht Hamburg?“

Die gleiche Frage wurde mir vor Jahren schon einmal gestellt, und ich brach sofort in Tränen aus. Ich konnte es nicht erklären. Ich habe in Hamburg wunderbare Jahre verbracht, vor allem die letzten, und ich bin nicht nach Karlsruhe gezogen, weil ich unbedingt hier leben wollte, sondern deshalb, weil ich wollte, dass unser Kind mit seinem Vater und mir gemeinsam aufwächst. Ich habe mich mit Karlsruhe arrangiert, aber die Stadt berührt mich nicht. Ich finde sie sogar recht langweilig. Ich habe Freunde hier, meine kleine Familie, eine Wohnung und eine gutgehende Praxis, also überhaupt keinen Grund zu klagen, oder?

Aber das erklären Sie einmal Ihrer Sehnsucht, die sich nach intensivem Erleben sehnt, die emotionale Berührung schätzt, und die stets die unbegrenzten Möglichkeiten im Blick hat. Die das Herz auf der Zunge trägt und wahrscheinlich viel zu viel Phantasie hat. Da ernten Sie von Menschen, die nicht liebevoll das Potenzial, sondern nur das sehen, was ist, bestenfalls Kopfschütteln. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich Ihnen erzählen könnte.

Ich möchte Sie herzlich einladen, sich zu fragen, welcher Sehnsucht Sie folgen, und welches Ihre Sterne sind?  Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie mir darüber. Glauben Sie mir, ich bin seelenverwandt! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen keine guten Vorsätze, sondern berührende Träume, ein Leben voller Perspektive und genügend Kraft. Folgen Sie Ihrer Sehnsucht und lassen Sie sich nicht beirren. Auf ein erfülltes 2016!

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Jurgelucks,

    ein sehr berührender Beitrag für mich.

    Vorsätze für das neue Jahr hatte ich noch nie…

    Im Rückblick waren 2014 u. 2015 für mich Jahre der Begegnung: erst mit mir selbst, dann mit anderen. Und so irgendwann in den letzten Monaten war für mich klar: 2016 ist meine Sehnsucht nach Lebendigkeit dran, sozusagen nun also mein Jahresmotto 🙂

    Bin gespannt auf Ihre Praxis in Hamburg… sicherlich mit grandiosem Ausblick. Ich komme gerne auf einen Schluck vorbei, wenn es soweit ist – ob Sekt oder GIN oder erst GIN und dann Sekt sehen wir dann 🙂

    Herzliche Grüße

    • Christiane Jurgelucks

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie sind jetzt sozusagen mein erster unterstützender Zeuge im Netz. Das hilft, dass Sehnsüchte und Träume wahr werden. Insofern danke für die Unterstützung. Die Einladung zum Sekt mache ich dann gern, Gin habe ich noch nie probiert, aber das kann ja noch werden. In diesem Sinne ein Hoch auf die Lebendigkeit und das Wahrwerden von kleinen und großen Träumen in einer Zeit, die gerade nicht sehr rosig ausschaut. Lassen wir uns nicht unterkriegen.
      Herzlichst Christiane Jurgelucks

    • Christiane Jurgelucks

      Vielen Dank für den Link. Ich wusste nicht, dass Sue Johnson Gin trinkt. Aber sehr sympathisch. Wir alle haben mal schlechte Tage.

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