Verlustangst – ein Gefühl, das viele Liebesbeziehungen und Partnerschaften überschattet. Ein Gastbeitrag

Als Betroffener möchte ich gern etwas zum Thema Verlustangst schreiben. Was Verlustangst ist, welche Auswirkungen sie haben kann, wie ich selbst erkannt habe, dass ich darunter leide, was vermutlich die Auslöser waren und schließlich Lösungsansätze, die zumindest mir sehr geholfen haben. Wie passt das in einen Blog über Beziehung und Sexualität? Ganz einfach: die Verlustangst hat unter Umständen einen massiven Einfluss darauf, wie Partnerschaft gelebt und empfunden wird.

Warum schreibe ich das? Ich habe sehr lange Zeit unter den Auswirkungen von Verlustangst gelitten, ohne zu wissen, was es eigentlich ist. Ich musste erst 51 Jahre alt werden, um das Thema überhaupt zu erkennen. Vielleicht kann ich mit diesem Beitrag anderen dabei helfen, ihre Verlustangst zu erkennen und damit umzugehen lernen. Es gibt diverse Bücher, die sich mit dem Thema Verlustangst beschäftigen und mögliche Lösungsansätze beschreiben.

Ich beschreibe das Thema so, wie ich es erlebt habe und welche Symptome bei mir auftraten. Es gibt noch weitere Symptome und die Verlustangst kann natürlich unterschiedlich stark ausgeprägt sein, aber ich will hier ja keinen wissenschaftlichen Aufsatz formulieren.

 

Was ist Verlustangst?

Verlustangst ist eine Angststörung. Üblicherweise verspürt jeder Mensch im Falle eines Verlusts einen gewissen Schmerz und hat unter Umständen Angst davor, etwas oder jemanden zu verlieren. Das ist normal. Und normalerweise wird ein entsprechender Schmerz relativ zügig verarbeitet, je nachdem, wie schlimm der Verlust ist. Und auch die Befürchtung eines möglichen Verlusts wird normalerweise nicht als übermächtig empfunden. Man kann damit umgehen. Dabei spielt es erstmal keine Rolle, ob es sich um eine Person, ein Haustier, einen Job oder auch einen Gegenstand handelt.

Anders sieht es aus, wenn man unter Verlustangst leidet. Dann kann ein Verlust, beispielsweise einer geliebten Person durch Trennung, einen dermaßen starken Schmerz auslösen, dass der oder die Betroffene in ein tiefes Loch fällt und aus eigenen Kräften nur sehr schwer oder womöglich gar nicht wieder herauskommt. Der Verlustangstgeplagte fällt in eine depressive Stimmung oder gar in eine echte Depression.

Es muss aber gar nicht erst zum tatsächlichen Verlust kommen, damit die depressive Stimmung aufkommt. Es reicht schon aus, wenn man das Gefühl oder die Vermutung hat, es könnte unter Umständen zu einem Verlust kommen. Wenn ein Verlustängstlicher in eine Situation kommt, die ihn verunsichert, kann es dazu führen, dass er sich alle möglichen Situationen ausmalt, was eventuell passieren könnte. Es werden verstärkt negative Sichtweisen auf Situationen wahrgenommen, eine regelrechte Schwarzmalerei.

Ein weniger abstraktes Beispiel: ein Mann und seine Partnerin sind sich völlig darüber einig, dass sie eine Liebesbeziehung miteinander haben. Sie haben sich sehr gern, verbringen gern Zeit miteinander, haben Freude im Bett miteinander. Nun kündigt z.B. die Partnerin an, sie möchte sich gern mit einem Freund treffen, den sie aus der Zeit vor der Beziehung kennt. Falls der Partner unter Verlustangst leidet, kann diese Ankündigung ihn in eine solche Panik versetzen, dass er völlig irrational handelt. Er stellt sich in allen Farben vor, was bei diesem Treffen denn nun alles passieren könnte. Möglicherweise versucht er sogar, das Treffen zu verhindern. Das führt natürlich unweigerlich zu Auseinandersetzungen, was die verlustängstliche Person noch weiter verunsichert.

Übrigens sind Verlustangst und Bindungsangst zwei Ausprägungen desselben Phänomens. Mit dem Unterschied, dass eine bindungsängstliche Person von vorn herein gar keine Bindung zulässt. Damit werden der Verlust und der damit verbundene Schmerz von vornherein vermieden.

 

Welche Auswirkungen hat Verlustangst?

Die Auswirkungen sind sehr vielfältig. Die Themen, die ich hier beschreibe, müssen nicht alle und nicht in der beschriebenen Tiefe ausgeprägt sein. Ich schreibe einfach mal die Symptome auf, die ich im Zusammenhang mit Verlustangst wahrgenommen habe, erhebe aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Klammerbeziehungen

Eine verlustängstliche Person neigt zu sehr engen Beziehungen. Es besteht die Neigung, so viel Nähe wie nur irgendwie möglich in der Beziehung zu suchen. Man möchte alles mit der Partnerin gemeinsam machen. Falls nun die Partnerin ein geringeres Nähebedürfnis hat, kann das dazu führen, dass die verlustängstliche Person sich zurückgewiesen fühlt. Warum will die Partnerin nicht dieselbe Nähe wie ich selbst? Warum will sie Freiraum? Warum möchte sie nicht alles mit mir zusammen machen?

Die Ursache ist letztlich klar: wenn die Partnerin alle Aktivitäten mit mir gemeinsam macht, hat sie keine Zeit für andere Aktivitäten, Freunde oder ähnliches. Sucht die Partnerin Freiraum, Zeit für sich selbst, so fühlt sich die verlustängstliche Person verletzt, zurückgestoßen.

In der Folge versucht nun der verlustängstliche, noch mehr Nähe herzustellen, was eine Partnerin mit weniger Nähebedürfnis natürlich noch mehr wegtreibt. Es führt zum Klammern, was schlimmstenfalls dazu führt, was der Verlustängstliche am meisten fürchtet: zum Ende der Beziehung.

Eifersucht

Aus den gleichen Gründen wie die Suche nach engen Beziehungen ist oft bei Verlustängstlichen die Eifersucht mehr oder weniger stark ausgeprägt, das klang ja oben im Text schon an. Alle Aktivitäten des Partners werden beobachtet oder schlimmstenfalls verfolgt, wenn möglich. Hinter jeder nicht abgesprochenen oder kommunizierten Aktivität wird etwas Furchtbares vermutet. Freunde des anderen Geschlechts werden als potenzielle Rivalen oder Gefährdungen für die Beziehung gesehen.

Verbleiben in schädlichen oder unerwünschten Beziehungen

Da mit der Verlustangst häufig eine Angst vor dem Alleinsein verknüpft ist, hält der Verlustängstliche unter Umständen lange an Beziehungen fest, die er tief in seinem Innersten eigentlich gar nicht mehr will. Das führt natürlich auf Dauer zu massiver Unzufriedenheit.

Aufopferung für andere

Um ja die Partnerin zum Bleiben zu bewegen, stellt der Verlustängstliche seine eigenen Bedürfnisse völlig in den Hintergrund. Er tut alles, um die fragile Struktur der Beziehung nicht zu gefährden. Das führt bisweilen bis zur Selbstaufgabe. Man hat keine eigenen Vorstellungen mehr, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse geraten irgendwann in Vergessenheit, weil sie permanent unterdrückt und in den Hintergrund gedrängt werden. Auch das führt auf Dauer zur Unzufriedenheit. Vermutlich bei beiden Partnern, weil die Initiative, die Ideen, die Anregungen irgendwann nur noch von einer Seite kommen. Ich habe im Buch „Verlustangst und wie wir sie überwinden“ (Ulrike Sammer, Verlag Klett-Cotta) einen schönen Satz gelesen: „Wer keine eigenen Ziele hat, verfolgt die Ziele anderer“. In diesem Satz steckt sehr viel Weisheit. Und ich kann ihn aus eigener Erfahrung vollkommen bestätigen.

Mangelndes Selbstwertgefühl.

Durch das erlittene Trauma und teilweise auch durch andere Ursachen, wie Erziehungsstil, sich-fremd-fühlen etc. fühlt sich der Verlustängstliche möglicherweise minderwertig. Er ist nicht in der Lage, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Das wiederum führt dann in späteren Beziehungen zu einem Ungleichgewicht in der Partnerschaft.

 

Was führt zu Verlustangst, wie wird sie erworben?

Es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, wie eine Verlustangst erworben werden kann. In vielen Fällen ist ein nicht verarbeitetes Kindheitstrauma der Auslöser. Ein wichtiger Punkt ist, dass das entsprechende Trauma auch auf einen entsprechenden „Boden“ fällt, sprich: es muss eine gewisse depressive Grundstimmung vorhanden sein, damit sich eine Verlustangst ausbildet.

Als ich selbst entdeckt hatte, dass ich unter Verlustangst litt, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die meine Mutter mir mal erzählt hatte. Ich habe sie daraufhin noch mal genauer danach gefragt, und das hat mir meinen Verdacht letztlich bestätigt.

Im Alter von 5 oder 6 Monaten litt ich unter einem unerklärlichen Fieber. Ich kam in ein Krankenhaus, und wie das eben zu dieser Zeit war, wurde auf die in diesem Alter so wichtige Mutter-Kind-Beziehung nichts gegeben. Ich wurde von meinen Eltern isoliert, in einen viel zu kleinen Strampler gestopft und in ein für mich zu kleines Bettchen gelegt. Meine Mutter erzählte mir, dass ich wohl die ganze Zeit geschrien habe wie am Spieß. So lag ich ohne Kontakt zu meiner Hauptbezugsperson, vermutlich mit wenig Kontakt zu irgendwem für ca. drei Tage in diesem zu kleinen Bett. Nachdem mein Vater einen Aufstand gemacht hat, wurde ich dann endlich wieder meinen Eltern zurückgegeben. Ich hatte eine Druckstelle am Kopf von dem zu kleinen Bett.

Vielleicht sagen Sie nun, naja, was sind schon drei Tage? Wenn man aber bedenkt, dass im ersten Lebensjahr die Beziehung zur Hauptbezugsperson (in den meisten Fällen ist das die Mutter) erst aufgebaut und gefestigt wird, und die drei Tage in Relation zum Lebensalter setzt, dürften drei Tage für einen Säugling dieses Alters eine gefühlt unendliche Zeit sein. Ich will nun nicht behaupten, dass mir damals ganz furchtbar schlimme Dinge passiert sind, anderen geht es viel schlechter. Dennoch sind die Auswirkungen auf die kindliche Psyche katastrophal.

Im Alter von knapp einem Jahr wurde ich dann aufgrund eines Armbruchs wiederum, wenn auch nur für wenige Stunden, von meiner Mutter isoliert. In diesem Stadium wurde vermutlich die „Wunde des Verlusts“ gefestigt. Im späteren Verlauf meines Lebens kamen noch viele Stationen hinzu, die meine Verlustangst mit großer Wahrscheinlichkeit noch gefestigt haben:

Meine Eltern sind sehr häufig umgezogen. Das war natürlich jedesmal damit verbunden, dass ich einen vielleicht vorhandenen Freundeskreis verlor und am neuen Standort einen neuen Freundeskreis aufbauen musste. Das ist natürlich nicht unbedingt einfach, da man als Außenstehender in eine bestehende Gruppe neu hereinkommt. Entsprechend fühlte ich mich in meiner Kindheit und auch als Jugendlicher häufig wie ein Außerirdischer. Dazu kam vermutlich noch, dass ich mich aufgrund eines ziemlich hohen IQ für manche vielleicht „komisch“ verhielt.

Meine Eltern haben eine relativ enge Familienbindung gelebt. Damit verbunden war eine Einstellung „So, wie wir es machen, ist es richtig, und es ist der einzig richtige Weg“.

Schulische Leistungen wurden heruntergespielt, das sei doch nichts Besonderes. Damit wurde dann auch noch mein Selbstwertgefühl vollständig untergraben bzw. konnte sich nicht entwickeln.

In meiner Familie wurde keine Streitkultur vermittelt. Dass man sich nach einem Streit auch wieder versöhnen kann und dass ein Streit eben nicht dazu führt, dass man nie wieder miteinander spricht, wurde nicht vermittelt.

Es gibt bestimmt noch viele kleine Punkte, die mir gerade nicht einfallen, die aber letztlich zur deutlichen Ausprägung meiner Verlustangst beigetragen haben. Und es gibt vermutlich Symptome, die auftreten können, die aber bei mir nicht ausgeprägt sind.

 

Wie kam ich auf den Gedanken, dass ich unter Verlustangst leide?

Ich kam eher zufällig auf das Thema. Ich habe aufgrund einer lang aufgestauten Unzufriedenheit nach sehr langer Zeit eine Partnerschaft beendet (ja, auch Verlustangstgeplagte machen das). Als ich dann eine neue Frau kennenlernte, die ich von Anfang an sehr gern mochte, stellte ich fest, dass das Nähebedürfnis in einer Beziehung doch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Anfangs verstand ich das nicht. Also begab ich mich auf die Suche. Ich war zunächst auf einer falschen Fährte. Ich hatte als Kind eine Kopfverletzung durch einen Sturz erlitten und ich fragte mich, ob vielleicht irgendein Schaden davon zurückgeblieben sei. Also suchte ich im Internet nach den verschiedenen Hirnarealen und deren Funktion. Ich stieß zunächst auf die Webseite https://www.dasgehirn.info und folgte assoziativ verschiedenen Links. Irgendwann stieß ich dann auf das Stichwort Verlustangst. Im weiteren Verlauf kam ich dann schließlich auf die Seite https://verlustangst.de.

Und während ich die Texte auf dieser Seite las, kamen mir die Tränen. Dort wurde ich beschrieben, in allen Einzelheiten! Ich wurde von Gefühlen überschwemmt, konnte einfach nicht fassen, was da stand. In der Folge habe ich intensive Recherchen zu dem Thema durchgeführt, Texte gelesen, YouTube-Videos (insbesondere von Joachim Bauer) geschaut und ich war mir sicher, dass ich endlich mein Problem entdeckt hatte. Jetzt musste ich es „nur noch“ lösen.

 

Welche Lösungsansätze gibt es?

Auf https://verlustangst.de wird auf das Buch „Verlustangst und wie wir sie überwinden“ (Ulrike Sammer, Verlag Klett-Cotta) verwiesen, welches ich mir bestellte. Zum einen enthält das Buch viele Informationen über mögliche Symptome und Ursachen der Verlustangst, zum anderen sind auch Lösungsansätze beschrieben, wie z.B. diverse Meditationstechniken oder therapeutisches Schreiben.

Das Schreiben hat mir im Übrigen auch sehr geholfen. In meinem Leben hatte ich noch nie Tagebuch geführt. Frau Jurgelucks empfahl mir, „Morgenseiten“ zu schreiben. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Methode, um kreatives Schreiben zu fördern. Die Methode geht auf die Autorin und Kreativtrainerin Julia Cameron zurück. Und sie hilft, einen Zugang zu sich selbst zu finden. Eine schöne Beschreibung der Morgenseiten findet sich z.B. hier: http://www.kreativesdenken.com/artikel/morgenseiten-schreiben.html

Und tatsächlich, mit dem Schreiben der Morgenseiten konnte ich mit der Zeit in intensiven Kontakt mit mir selbst treten. Sie verhalfen mir, Probleme zu erkennen und zu benennen sowie Lösungsansätze zu entwickeln. Wenn Ihnen das Schreiben liegt und Sie die Morgenseiten noch nicht kennen: probieren Sie unbedingt diese Methode aus! Ich selbst habe gelernt, über die Morgenseiten meine Gefühle besser wahrzunehmen und zu benennen. Und ich habe gelernt, die depressive Gedankenspirale, die sehr häufig bei mir im Zusammenhang mit schlechten Gefühlen entstand, zu unterbrechen und sogar in positive Gedanken umzuschwenken.

Parallel dazu suchte ich meinen Hausarzt auf und fragte ihn, welche Möglichkeiten der Therapie er empfiehlt. Er bot mir eine Hypnotherapie nach Milton Erickson an. Ich glaube, diese Therapieform hilft mir sehr gut. Ich bin zwar noch nicht am Ende des Wegs angelangt, aber ich habe das gute Gefühl, dass es der richtige Weg ist und dass ich mit den hier genannten Methoden endlich meine Verlustangst in den Griff bekomme.

Grundsätzlich besteht selbstverständlich noch die Möglichkeit, Hilfe von einem Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Diesen Weg habe ich bisher nicht gewählt, wobei die Hypnotherapie durchaus eine psychotherapeutische Methode ist.

Ich hoffe, dieser Bericht hilft vielleicht dem/der ein oder anderen, eine vorhandene Verlustangst zu erkennen. Und ich möchte Sie ermutigen, das Thema guten Mutes anzugehen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Bewältigung!

 

Herzlich Andreas Schreyer

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