Wenn Kommunikation nicht verbindet, sondern trennt.

Ich hatte eine anstrengende Arbeitswoche. Besonders beschäftigt hat mich ein Paar, das ich zum Anlass genommen habe, mich noch einmal eingehend mit John Gottmans fünf „apokalyptischen Reitern“ zu beschäftigen. Vielleicht kennen Sie John Gottman und seine Schriften über eheliche Kommunikation.
Gottman ist klinischer Psychologe und Professor der Psychologie. Er widmete sein gesamtes Arbeitsleben der der Partnerschaftserforschung und interessierte sich für Faktoren, die eine Ehe stabil machten. Dazu beobachtete er über 30 Jahre lang Paare, während sie in seinem Labor Konflikte lösten, und er entwickelte eine Methode, durch die er mit hoher Genauigkeit voraussagen konnte, ob ein Paar zuzammenblieb oder sich im Laufe der nächsten Jahre trennte.

Während seiner Forschungsarbeit kristallisierten sich 5 Kommunikationssünden heraus, die eine Beziehung dauerhaft zu ruinierten und mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Ende dieser Partnerschaft führten. Die Kommunikationssünden nannte er die 5 apokalyptischen Reiter.

Doch bevor ich mich der Erklärung widme, möchte ich Ihnen Petra und Carsten vorstellen, ein Paar, das durch Kommunikation keine Verbindung mehr herstellen konnte, sondern die Trennung einleitete.

Ich begleitete die beiden schon eine Weile wegen  Petras sexueller Lustlosigkeit und beiderseitigem emotionalem Rückzug. Petra hatte im Laufe der Therapie – sehr berechtigt – die mangelnde emotionale Sicherheit in ihrer Ehe beklagt, die entstand, wenn Carsten sich im Konfliktfall einfach entfernte oder sogar die Wohnung verließ, ohne zu sagen, wann er zurückkäme.

Carsten nahm im Laufe der Therapie ihre Klagen ernst und erkannte, was er mit seinem Verhalten anrichtete. Er machte gute Fortschritte, veränderte sein Verhalten, konfrontierte sich mit den Konsequenzen seines beleidigten Rückzugs und lernte, auf seine Frau zuzugehen und emotionale Verbindung herzustellen.
Er interessierte sich sehr für die Gefühle seiner Frau und versuchte es richtig zu machen, aber er sehnte sich auch  danach, in seinen Bedürfnissen und Gefühlen ernstgenommen zu werden. Er vermisste die Zuneigung und die Wärme, er sehnte sich nach Streicheln und Gehalten werden und natürlich auch nach gemeinsam genossener Sexualtität.
Er war bereit zu warten und das Vertrauen seiner Frau zurückzugewinnen, aber nach einem halben Jahr Therapie stellte er letzte Woche die Frage, ob sich überhaupt noch etwas ändern könne. Er habe sein beziehungsschädigendes Verhalten abgestellt, jene Gründe, die seine Frau angegeben habe, warum sie keine Zärtlichkeiten zulassen könne, aber er könne keine Veränderung bei seiner Frau feststellen.

„Es wird eher schlimmer. Sobald ich näher komme, weicht sie zurück. Sie lässt sich gar nicht mehr von mir berühren.“

„Ich frage mich, ob Du überhaupt etwas verändern willst?“ Die letzte Frage ist an seine Frau gerichtet. Ihr Gesicht verhärtet sich: „Nie bist Du zufrieden. Du willst immer noch mehr. Wenn wir einen schönen Abend haben, reicht Dir das nicht. Du willst ja immer Sex.“

Carsten schaut hilflos zu mir rüber: „Aber das habe ich doch gar nicht gesagt. Ich genieße es, wenn wir etwas unternehmen, aber ich würde dich auch gerne mal berühren. Es tut mir weh, dass du mich abweist.“

Ich frage Petra, welche Art der Berührung sie sich wünsche, worauf sie antwortet, dass sie kein romantischer Typ sei. Sie habe ihre Kinder, die sie sehr forderten, und sie kein großes Interesse von ihrem Mann berührt zu werden.

Sie machte in diesem Moment durch Worte und körperlichen Ausdruck deutlich, dass Sie jetzt und auch die nächsten Jahre kein Interesse daran haben würde, sich Carsten zu nähern.

„Aber das möchte ich nicht. Ich will nicht so leben, ohne Zärtlichkeit. Wir sind doch ein Liebespaar.“

Carsten kämpft, aber er hat verloren. Der, der weniger will, hat die Macht.

Als Carsten den Sinn seiner Ehe in Frage stellt, kontert Petra barsch: „Du stellst unsere Ehe in Frage, nur wegen dem „Poppen“? Du bist ja verrückt.“ Mittlerweile ist die die Mauer zwischen den beiden so dick und unüberwindbar wie einst die deutsch-deutsche Grenze.

Was war passiert?

Petra hatte sich vorgestellt, dass „die Paartherapeutin“ es schon richten werde. Schließlich hatte diese den Fokus in den ersten Sitzungen fast ausschließlich auf Carsten gelegt, der mit seinem emotionalen Rückzug, die Ehe gefährdet hatte.

Nachdem der Carsten an seinem Verhalten gearbeitet hatte, wendete die Therapeutin sich Petras Motivation zur Veränderung zu. Das war nicht in ihrem Sinne, da sie nichts an ihrem Verhalten ändern wollte. Statt sich dieser Tatsache zu stellen und Verantwortung für ihr Bedürfnis zur Nicht-Veränderung zu übernehmen, greift sie Carsten an. “ Nie bist Du zufrieden, Du willst doch immer nur….“

Der erste apokalyptische Reiter
Der erste Reiter heißt Kritik, oder besser herabsetzende Kritik. Er kommt anfangs leise angetrabt. Etwa, wenn Ärger lange geschluckt wurde oder das Sich Beschweren nicht geholfen hat. Was ist an dieser Kritik giftig? Sie geht immer über die konkrete Situation oder das konkrete Verhalten hinaus und verletzt die gesamte Person. Häufige Satzanfänge sind: „…. immer, nie, typisch…..“ In unserem Beispiel: „Du willst doch immer nur poppen!“ Eine Kritik, die in dieser Art vorgetragen wird, provoziert meist nur eines: Verteidigung.

Der zweite apokalyptische Reiter heißt Verteidigung
Der Partner oder die Partnerin versucht sich mit Formulierungen wie: „ja, aber….. oder ich habe doch nur…..“, zu rechtfertigen.
Diese Reaktion ist nahe liegend und verständlich. Man möchte dem Partner den Grund für das Verhalten erklären und vom eigenen Beitrag an der Situation ablenken. Carsten wendet sich in der Verteidigung hilfesuchend an mich, Bestätigung suchend, dass er doch nicht nur am „Poppen“ interessiert sei.
Doch die Rechtfertigungen verschärfen den Streit. Der andere Partner fühlt sich nicht ernst genommen und setzt eventuell zum Gegenschlag an, und der Schlagabtausch geht in die nächste Runde. Der gefährlichste Untergangsbote betritt die Bühne; sein Kennzeichen: Verachtung.

Der dritte apokalyptische Reiter
Verachtung ist ein Gift, das jede Partnerschaft zersetzt. Warum ist das so? Es geht nur noch darum, den Partner zu treffen, zu verletzen und zu erniedrigen – und zwar ganz bewusst und ganz gezielt „Nur wegen dem bisschen Poppen setzt du unsere Ehe aufs Spiel? Du lässt mich mit dem ganzen Scheiß allein! Du zerstörst unsere Kinder! Aber das ist Dir ja egal. Du übernimmst keine Verantwortung. Was bist du für ein Vater?“
Verachtung löst keine Missverständnisse oder Probleme, sondern reißt weitere Wunden auf, bei Petra und Carsten die väterliche Verantwortung. Verachtung kann viele Gesichter haben: Hohn, Spott, Gehässigkeiten, Nachäffen, lächerlich machen,…
Diese Wirkung lässt sich mit Kopfschütteln, Augenrollen, Auslachen und Wegschauen steigern. Verletzend ist vor allem, wenn Persönliches und Intimes zum Einsatz kommt, wie in einem anderen Beispiel aus der Paartherapie: „Du wirfst mir vor, dass ich nicht mit Geld umgehen kann, aber ich verdiene wenigstens Geld, während Du nicht mal das schaffst.“
Diese Worte können sehr verletzen. Noch verletzender kann es sein, wenn ein Parter gar nicht mehr reagiert.

Der vierte apokalyptische Reiter heißt Rückzug.
Rückzug bedeutet Mauern, nichts mehr zulassen, auf Ansprache nicht mehr reagieren und den Partner, die Partnerin zu ignorieren. Ausgedrückt wird damit: „Du bist Luft für mich, was Du denkst oder fühlst, interessiert mich nicht (mehr).“
Rückzug tritt auf, wenn die Hoffnung gestorben ist, dass sich noch etwas ändern könnte. Die Blicke sind versteinert, Kommunikation findet findet nur im Minusbereich statt. Das Paar findet nicht mehr zusammen. So leider auch Petra und Carsten.

Später fand Gottman den fünften apokalyptischen Reiter: die Machtdemonstration. Eine solche Demonstration macht dem Partner (ich weiß nicht, ob wir hier noch über Partnerschaft sprechen können) unmissverständlich klar: ich nehme keine Rücksicht mehr auf Dich. Deine Wünsche interessieren mich nicht, und Du bist mir sowas von egal.“ Gezielt wird dem Partner gezeigt: Egal was Du willst, Du hast keine Möglichkeit, Deine Interessen durchzusetzen. Ich werde das nicht zulassen. Die Partnerschaft ist keine mehr und die Beziehung zerstört. Jetzt ist sich jeder selbst der oder die nächste.

In dieser Situation ist es besser, sich zu trennen, als in Feindseligkeit verbunden zu bleiben wie dies nicht wenige Paare tun.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was hätten Petra und Carsten tun können? Was kann jedes Paar tun, damit Kommunikation Verbindung schafft und Beziehung gelingt? Dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.

 

 

 

 

 

 

 

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