Wenn man(n) nicht kommen kann – Orgasmus- und Ejakulationsstörungen bei Männern -Eine Fallgeschichte

Vielleicht wundert es Sie, wenn ich als Frau über ein männliches Problem schreibe, das mir in der Praxis immer häufiger begegnet: Männer, die trotz aller Bemühungen, nicht beim Geschlechtsverkehr ejakulieren können. Das Nicht-Kommen-Können ist ja ein Problem, das wir von Frauen kennen. Männern sagt man landläufig eher nach, dass sie ihre Erregung nicht gut steuern können und deshalb eher zu früh kommen. In der Tat trifft dies auch auf etwa ein Drittel aller sexuell aktiven Männer zu, während von oben genanntem Problem nur 1-3% betroffen sind. Und meistens suchen die Betroffenen keine therapeutische Hilfe. Dafür spricht auch, dass die „Fälle“, die mir in meiner Praxis begegnet sind, nur deshalb zu mir kamen, weil die Paare einen ausgeprägten Kinderwunsch hatten, der den Leidensdruck verursachte.

Zunächst möchte ich Ihnen Fabian und Mira vorstellen, ein Paar Mitte 30, verheiratet und mit ausgeprägten Kinderwunsch. Auf die Frage, was sie sich von der Therapie erhofften, sagten beide, dass sie sich wünschten, zusammen zu kommen. Fabian erwähnte, dass er beim Geschlechtsverkehr überhaupt nicht ejakulieren könne, wenn er sich selbst stimuliere aber schon.
Wie so oft stelle ich intuitive Fragen. In diesem Falle fragte ich: „Warum wollen Sie eigentlich zusammen kommen?“ Beide schauten sich ratlos an und wussten keine Antwort. Ich hatte den Eindruck, dass das Problem woanders lag. Fabian war sehr nervös, und ihm fehlten die Worte, um sein Anliegen zu formulieren. Er machte einen gestressten Eindruck, und mir war sofort klar, dass es ihm unheimlich schwer gefallen sein musste, zu mir in die Praxis zu kommen. Auf Nachfrage erzählte er, dass er Sex als anstrengend, stressig und voller Druck erlebe, er häufig keine Lust habe und seine Frau eigentlich immer die Initiative ergreifen müsse, damit sie sich überhaupt begegneten. Kuscheln und Schmusen hingegen seien sehr ausgeprägt und auch die Partnerschaft sei sehr erfüllend und harmonisch.

Bevor ich wieder zur Geschichte von Fabian und Mira komme, möchte ich ein paar Überlegungen und Fragen mit Ihnen teilen. Könnten Sie eigentlich sagen, woran es liegt, dass Sie einen Orgasmus erleben oder eben auch nicht? Kennen Sie Ihre individuellen Zutaten, mit denen Sie Lust und Erregung bis zum Höhepunkt steigern können? Und wissen Sie, was Ihnen hilft, im Moment loszulassen und sich dem Erleben hinzugeben? Häufig machen wir uns darüber keine Gedanken, vor allem dann nicht, wenn „es“ problemlos klappt.

Wenn ich mit einem Paar zum Thema Sexualität arbeite, dann kläre ich oft erstmal Begriffe, die wir selbstverständlich benutzen, unter denen aber jeder oder jede etwas anderes verstehen könnte.
So spreche ich von Lust, wenn es sich um Erleben handelt, das auf die erotisch, sinnliche Kommunikation mit unseren Partner oder uns selbst direkt ausgerichtet ist. Lust verstehe ich als emotionales Erleben, das auf ein Du ausgerichtet ist, ein Genießen des eigenen und des anderen (Seelen)Körpers mit allen Sinnen.
Wenn ich von Erregung spreche, meine ich eher die physiologische Antwort unseres Körpers auf Sinnesreize oder andere Erregungsquellen z.B. Phantasien.
Das mag jetzt etwas theoretisch klingen, aber ich möchte den Unterschied kurz erläutern. So kann ein Mensch auch ohne Lust mechanisch zu einer Entladung der Erregung kommen. Stellen Sie sich vor, Sie mastubieren abends kurz vor dem Einschlafen, um gut entspannen zu können. Wenn Sie geübt sind, dann können Sie dieses Ziel ohne Lust und Genusserleben mechanisch durch Reibung und Druck Ihres Geschlechtes erreichen. Die Berührungen dabei sind zielorientiert auf eine Entladung ausgerichtet. Den Genuss erleben Sie dann durch die Entspannung nach der Entladung oder durch das rhythmische Zusammenziehen der Beckenbodenmuskulatur.
Ihnen wird wahrscheinlich aufgefallen sein, dass ich in diesem Zusammenhang von Entladung gespochen habe und nicht von einem Orgasmus.
Auf der anderen Seite könnten Sie auch bei der Selbststimulation einen extremen Genuss und große Lust erleben, ohne diese Spannung bis zum Orgasmus steigern zu können. Das sind jene Menschen, oft Frauen, die den Geschlechtsverkehr sehr genießen, aber nie entladen.

Für einen Orgasmus ist es also nötig, sowohl Lust als auch Erregung auslösen und spüren zu können, beides so im (Liebes)spiel zu steigern, dass emotionale und physiologische Entladung geschehen kann. Also eine recht komplexe Angelegenheit, die sich nicht bei jedem Menschen einfach so einstellt.

Dies habe ich auch Fabian und Mira vermittelt, und im zweiten Therapiegespräch konzentrierte ich mich auf Orte des Genießens und Momente von Lusterleben. Ich frage absichtlich nicht nur nach erotischen Genüssen, sondern ganz allgemein nach Sinneseindrücken, die mit Lust und Genuss verbunden sind. So teilten Mira und Fabian einen ausgeprägten Genuss am Kuscheln und absichtslosen Berührungen, die nicht auf Erotik abzielten. Mira liebte Berührungen an Nacken und Hals, wo Fabian am liebsten seine Nase vergrub. Sie hatten sogar einen eigenen Begriff für diese Art der Berührung erfunden.

Fabian fiel es sehr schwer, seine Empfindungen und Gedanken in Worte zu fassen. Ich musste sehr geduldig nachfragen und mit Ideen in Vorleistung gehen, bis er sich allmählich besser artikulieren konnte. Und trotz seiner großen Schüchternheit entwickelte er Freude an meinen Fragen und dem Suchen nach Antworten. Er schien gerade zu entlastet, endlich einmal das in Worte fassen zu können (und müssen), was ihn bewegte.  So wurde allmählich deutlich, dass Mira eigentlich am liebsten Berührungen zur Stimulation wünschte, Fabian aber ein „Lustportfolio“ an Sinneseindrücken sein eigen nannte, das ich anspruchsvoll nennen könnte. Er mochte viele Sinneseindrücke nicht besonders, während andere besonders wichtig für sein Lusterleben waren.  Anders ausgedrückt: Er hatte einen engen und gleichzeitig anspruchsvollen Rahmen, in dem Genuss für ihn möglich war. Sehr intensiv war das Sehen in das Genießen eingebunden.
Am Ende unseres zweiten Gespräches gab ich beiden die Aufgabe mit, sich in der erotischen Begegnung sehr achtsam auf die Sinneseindrücke zu konzentrieren, und falls sie Geschlechtsverkehr hätten, dann sollten sie sich ausschließlich auf Lust und Genuss konzentrieren und den Orgasmus vermeiden. Auf diese Weise wollte ich Fabian die Erfahrung ermöglichen, dass Geschlechtsverkehr ohne Entladungsdruck möglicherweise auch für ihn lustvoll sein könnte.

Zu Beginn der nächsten Sitzung berichteten beide ziemlich begeistert, wieviel Freude sie gehabt hätten. Fabian sei sogar selbst intiativ geworden und habe den Geschlechtsverkehr sehr genossen. Mira warf ein: „Allerdings habe ich es nicht geschafft, nicht zu kommen, obwohl ich mich so bemüht habe.“ Ich fragte nach, was sie beim Lieben erlebe. Dabei fanden wir heraus, dass sie schnell sehr erregt sei und sehr schnell entlade, danach aber überhaupt keine Stimulation mehr ertrage und auch nicht mehr am erotischen Kontakt interssiert sei. Dadurch sei der Geschlechtsverkehr für sie sehr schnell erledigt. Die Erfüllung halte aber nicht lange vor, so dass sie an häufigem Sex interessiert sei.
Während wir darüber sprachen, erkannte sie, dass auch sie nicht besonders viel Lust beim Sex erlebte, sondern vorwiegend körperliche Erregung verspürte. Ähnlich wie vielen Männern fiel es ihr schwer, ihre Erregung so zu steuern, dass sie den Geschlechtsverkehr länger genießen konnte. Fabian wiederum setzte diese Tatsache sehr unter Druck, sich beeilen zu müssen.
Zunächst bat ich Mira mal zu beobachten, wie sie ihre Erregung besser steuern könnte, und ich gab ihnen den Tipp, nach der Entladung eine Weile abzuwarten und weiter zu kuscheln, um zu schauen, ob Mira ein „Weitermachen“ genießen könnte.

Im folgenden Gespräch verkündete Mira stolz, jetzt mehrfach kommen zu können. Und das beste daran sei, dass sie das zweite Mal total genießen könne. Es würde auch viel länger dauern als beim ersten Mal. Der Sex sei viel schöner geworden, und Fabian ergreife häufiger die Initiative.
Ich hatte den Eindruck, nun das nächste Therapieziel anstreben zu können, nämlich mit Fabian zu überlegen, wie und wann er Erregung verspüre, was ihn erregt und was nicht. Ähnlich wie beim Erfragen der Lust tat sich Fabian schwer mit meinen Fragen, die vor allem auf sexuelle Tagträume, Bilder und Phantasien abzielten. Aber auch hier gelang es mir durch phantasievolles Nachfragen, ein erotisches Muster zu erkennen, und mit dem Paar gemeinsam zu erforschen. Ähnlich wie beim Lusterleben nannte Fabian ein sehr anspruchsvolles „PhantasiePortfolio“ sein eigen, auf das ich aber in diesem Beitrag nicht näher eingehen möchte. Erfreulicherweise zeigte Mira sich sehr verständnisvoll und kooperativ und begann ihrerseits zu phantasieren, wie sie etwas vom Gehörten weiterentwickeln beziehungsweise umsetzen könnte. Fabian freute sich sichtlich darüber, und obwohl ihm meine Fragen immer sichtlich Mühe bereiteten, wirkte er erleichtert und bedankte sich dafür, endlich einmal über das reden zu dürfen, was in ihm war.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Arbeit an erotischen Phantasien im Paarkontext äußerst anspruchsvoll ist, denn es braucht viel Vertrauen und Intimität, um diese Inhalte miteinander zu teilen. Das fällt Paaren innerhalb des therapeutischen Raumes oft leichter als zuhause in der gewohnten Atmosphäre. Bei Mira und Fabian war das Sprechen über Erotik nur insofern schwierig, als dass die beiden wenig beschreibende Worte fanden und dabei viel Unterstützung brauchten. Als Paar waren sie sehr vertraut und kooperativ und dazu brachten sie gute Umsetzungsfähigkeiten mit.

In der nächsten Sitzung berichteten sie verschmitzt, dass sie sehr schönen Sex erlebt hätten. Mira hatte noch in der Therapiestunde Ideen entwickelt, wie sie Fabians Phantasien umsetzen könnte und empfing ihn dementsprechend. Fabian wiederum erzählte, dass er eine ungewöhnlich starke Errektion gehabt habe, die auch Stellungswechsel und Pausieren standhielt. Er habe den Geschlechtsverkehr genossen wie noch nie und sei mehrfach bis kurz vor dem Orgasmus gewesen. Dann allerdings hätten wiederum Gedanken eingesetzt, ob er jemals diesen Punkt erreichen könne. Mit den Gedanken verabschiede sich das Lusterleben, die Erregung und auch die Erektion. Das habe er deutlich erkannt.
Wir besprachen, dass der Orgasmus im Moment noch nicht das Ziel sein könne, sondern überlegten, inwieweit die erotischen Phantasien noch stärker in den Sex eingebunden werden könnten und wie Fabian gleichzeitig die lustvollen Sinneseindrücke genießen könne.
Dazu betrachteten wir die psychologischen Themen, die in seinen Phantasien steckten. In seinem Fall ging es um das Sich-Zeigen und Gesehen-Werden, nicht ungewöhnlich bei einem Menschen, der sehr zurückhaltend und schüchtern ist.
Wir entwickelten gemeinsam erotische Szenarien, die das für ihn erregende Thema berührten.
Auch mir machte dieser ungewöhnliche Weg große Freude, denn normalerweise schließe ich von der Phantasie auf das psychologische Thema und nicht umgekehrt. So entwickelten wir zusammen eine regelrechte phantasievolle Spielfreude, die sowohl dem komplexen Charakter Fabians gerecht wurde als auch umsetzbar waren.

In der bisher letzten Therapiestunde widmeten wir uns dann dem Orgasmus. Wie ich schon eingangs erwähnte, braucht es einige Zutaten, die einen Orgasmus möglich machen: Intensive Lust, ausreichende Erregung, die gehalten und gesteigert werden kann, angenehme Empfindungen und ein Sicherheitsgefühl, so dass Kontrolle aufgegeben werden kann.

In der französischen Sprache wird der Orgasmus auch der „kleine Tod“ genannt, und ich glaube, man könnte auch die Analogie zum Einschlafen herstellen. Haben Sie schon einmal versucht, auf „Knopfdruck“ einzuschlafen? Es geht meist nicht. Je mehr wir einen emotionalen Zustand herbeiführen wollen, desto mehr verkrampfen wir, und statt dem Parasympathikus die Arbeit zu überlassen, ist das sympathische Nervensystem aktiv. Die Folge ist, dass wir nicht loslassen können.

Einen Orgasmus kann man nicht machen, er geschieht. Was wir tun können, ist, ihn in eine gute Umgebung einladen, und uns an ihm freuen, wenn er kommt. Und die Zeit bis er kommt durch Berührung, Sinnlichkeit, Intimität, Geilheit und Zärtlichkeit absichtslos unendlich genießen.

In diesem Sinne:
Lassen Sie sich berühren und nicht einfach nur anfassen!
Und schenken Sie dies auch Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin.
Wer nur das Ziel im Auge hat, hat keinen Blick mehr für den Weg!

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