Wie komme ich vom „Nein“ zum „Ja“? – Weibliche Wege zur eigenen Erotik

Immer wieder höre ich diesen Satz von einer Frau: „Ich habe keine Lust auf Sex!“ Mal hilflos, mal wütend, mal resigniert. Oft kopfschüttelnd, in angespannter Körperhaltung, als scheine sie zu sagen: „Ich weiß, ich bin das Problem! Ich weiß, guter Sex gehört zu einer Beziehung dazu! Ich weiß, mein Mann sehnt sich danach, aber ich kann einfach nicht. Da ist eine Riesenmauer. Wenn ich schon merke, dass er Lust bekommen könnte, tue ich alles um das zu vermeiden, täusche Arbeit vor, gehe früher ins Bett und stelle mich schlafend. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist? Manchmal ekle ich mich nur noch vor ihm.“

Eine andere, die mit diesem schwierigen Thema angriffslustiger umgeht, beschuldigt ihren Mann: „Ständig läufst Du mir hinterher! Nie lässt Du mich in Ruhe! Wenn ich schon Deine Dackelaugen sehe, wenn Du mich willst. Du kannst ja an nichts anderes mehr denken. Du bist ja sexsüchtig! Lass mich endlich in Ruhe und lass Dich behandeln! Das ist ja nicht normal.“

Auch wenn es sich unterschiedlich äußert: Beide Frauen leiden, fühlen sich hilflos und wissen nicht mehr weiter, sind ratlos und resigniert. Oft steht die Liebes-Beziehung auf dem Prüfstand und die betroffenen Frauen fühlen ein Gemisch aus Wut, Angst, Scham und Schuld.

„Warum ist das Liebesleben denn nur so kompliziert? Unsere Beziehung könnte so gut sein, wenn es nur den blöden Sex nicht gäbe.“

Und hier liegt möglicherweise der Hase im Pfeffer. Der blöde Sex! Häufig frage ich nach: „Warum ist der Sex blöd? Was würden Sie statt dessen lieber tun? Wenn Sie bestimmen könnten, wie würden Sie sich dann begegnen? Wie müsste eine erotische Begegnung aussehen, auf die Sie Lust hätten? In welchen Momenten fühlen Sie Begehren? Wann finden Sie Ihren Mann attraktiv? Was bedeutet Sex Ihnen? Warum wollen Sie es überhaupt tun? Was können Sie dabei erleben, was Ihr Leben reicher, bunter und lebendiger macht? Wie sieht für Sie eine wunderbare Verführung aus? Was würden Sie selbst gerne aktiv zum Liebesleben beisteuern? Wie sieht ihre eigene Erotik aus, in welchen Momenten fühlen Sie sich begehrenswert und wunderbar wohl in Ihrer Haut? Welche sinnlichen Erlebnisse haben Sie gern und wieviel Zeit brauchen Sie, um zu genießen?“

Ich könnte auch hier, diese Fragen endlos weiterstellen. Wenn ich es im Therapieprozess tue, wird ganz schnell deutlich, dass die meisten Frauen, die sich lustlos auf Sex zeigen, nicht grundsätzlich lustlos oder erotikfrei sind, sondern keine Lust auf DIESEN Sex haben oder SO keine Lust empfinden können.

Eine häufige Reaktion auf diese Feststellung ist Erleichterung. „Gott sei Dank, ich bin nicht völlig unnormal.“ „Wie, das geht vielen Frauen so? Ich habe immer gedacht, ich bin allein damit. Wenn ich ich mit meinen Freundinnen darüber spreche, habe ich den Eindruck, die erleben das alles ganz anders – viel lustvoller.“

Jetzt könnte ich natürlich fragen, vielleicht auch als männlicher Partner, warum die Frau nicht einfach sagen kann, dass sie es SO nicht will, sondern ganz anders und am besten auch, WIE sie es will. Viele Partner sind aufrichtig und geduldig bemüht herauszufinden, was ihre Partnerin möchte und was nicht. Sie stellen Fragen, denken während des Sex darüber nach, was frau gefallen könnte und vergessen darüber sich selbst, so dass die erotische Begegnung dann mehr Arbeit als Vergnügen ist. Leider merkt sich unser Gehirn diese Gefühle. Sex macht Arbeit. Ich brauche immer so lange bis ich es etwas genießen kann, und dann ist es schon vorbei. So viel Aufwand für so wenig Vergnügen. Kein Wunder, dass die Begegnung immer unattraktiver wird.

Wenn ein Paar dieses erlebt, dann kommen sie häufig in die Therapie – entweder als Paar zusammen oder die Frau allein. Und spätestens, wenn ich nach den weiblichen Bedürfnissen nach Erotik frage, herrscht Stille und angespannte Ratlosigkeit. Ich kann sehen, wieviel Druck die Frau in diesem Moment erlebt, dass sie krampfhaft nach Antworten sucht, aber keine findet.

Sie hat sich diese Frage noch nie gestellt. Wie kann das sein?

Meiner Erfahrung nach, passen sich viele Frauen schon früh in ihren partnerschaftlichen Beziehungen dem an, was sie glauben, von ihnen erwartet wird. Viele Männer können schon früh in ihrem Leben sagen, welche Form der Stimulation sie genießen, sie haben in der Regel häufige Begegnungen mit ihrem Geschlecht und beginnen früher als viele Frauen mit der Masturbation. Die meisten genießen orale und manuelle Berührungen ihres Penis und auch den Geschlechtsverkehr, und weil das gut funktioniert, ist das oft der Sex, den Männer sich wünschen: intensive Stimulation der erogenen Zonen.

Viele Frauen erleben dies komplett anders. Sie mögen mehr spielen, sich annähern und wieder abwenden, leichte und flüchtige Berührungen, kräftige Massagen und Abwechslung. Sie genießen Gerüche, Farben, eine schöne Umgebung und ein intensives Gespräch. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass Männer dies genauso genießen können, aber die meisten würden diese Sinnlichkeit möglicherweise nicht als wesentlich für erotisches Erleben benennen.

So sind viele Frauen in ihrem erotischen Leben vorwiegend damit beschäftigt, den vermuteten partnerschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen zu genügen. Und, wenn das nicht mehr gelingt, jeglicher sexueller Begegnung auszuweichen. Frauen sagen dann nein, statt die Verantwortung für die eigenen erotischen Bedürfnisse zu übernehmen. Dies kann mehrere Ursachen haben. Zum einen ist es ein hohes Risiko, zu den eigenen Wünschen zu stehen. Ich mache mich verletzlich, wenn ich zeige, was ich brauche, was ich mir wünsche. Der Partner muss bereit sein, mich zu sehen. Aber er könnte mich ablehnen, mich lächerlich machen und im schlimmsten Fall als krank und unnormal wegschieben.

Dies ist aber nicht der häufigste Fall.  Meist hat die Frau mitgemacht so gut und so lange es eben ging. Darüber hat sie den Bezug zu ihrer eigenen Sinnlichkeit, Erotik und dem sexuellen Begehren verloren. Sie findet keine Antworten, weil da nichts mehr ist. Dies ist ein häufiges Phänomen in meiner Praxis. Eine Möglichkeit, wieder Zugang zur eigenen Erotik zu bekommen, ist eine Imagination, die Sie im Folgenden lesen können, wenn Sie den Link anklicken. Wenn Sie Lust haben, lesen Sie langsam und lassen Bilder entstehen…..Reise in den erotischen Raum

Was kann eine solche Imagination erreichen? Durch Entspannung und Imagination haben wir einen anderen Zugang zu uns selbst. Bilder entstehen. Wir erleben sinnlich in der Vorstellung, wie unser Raum aussehen könnte, was dort möglich ist, und was nicht. Frauen, die sich auf diese Reise einlassen konnten, erleben tatsächlich, dass sie einen Raum betreten, der viel mit ihrem Leben zu tun hat. Im Gepräch können wir dann klären, was sie erleben, Gefühle und Gedanken erforschen, Hemmungen und überholte Glaubenssätze finden, Möglichkeiten sehen, die vorher blockiert waren und behutsam nach Ressourcen schauen, ganz ohne Verpflichtung, diese sofort in die Tat umzusetzen.

Imagination ist das Betreten eines gedanklichen Möglichkeitsraumes. In der Phantasie können wir leicht Neuland betreten und uns ausprobieren. Wir können unser erotisches Erleben gestalten, wie wir es uns wünschen und nachspüren, wie es uns damit geht, ganz ohne Druck. Die Gedanken sind frei! Bilder können zu Visionen werden. Aus Visionen können Ziele werden. Zu erreichbaren Zielen führt ein Weg, den ich gehen kann. So ist es möglich ,mit oder ohne therapeutische Hilfe, die eigene Erotik deutlicher wahrzunehmen, zu kommunizieren und schließlich, mit einem Partner zu erleben. Ich wünsche Ihnen reiche Bilder und freudige Neugierde.

In einem der nächsten Beiträge werde ich über einen mehr körperlichen Zugang zur Erotik schreiben. Was kann Frau konkret tun, um ihren Körper und ihr Geschlecht besser kennenzulernen?

 

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