Wie würden wir leben, wenn wir sicher wären, geborgen zu sterben?

Da war sie wieder, diese Frage nach dem Sinn. Lebe ich ein gutes Leben? Tue ich etwas Sinnvolles? Nutze ich meine Zeit? Und was möchte ich noch erleben, bevor ich sterben muss?
Ich weiß nicht, ob Sie sich hin und wieder auch mit diesen Fragen auseinandersetzen? Ich tue es schon mein Leben lang. Meist schleicht sich die Frage nach dem Sinn von hinten an, schlägt zu, wenn ich es am wenigsten erwarte. Manchmal begleitet sie mich eher sanft und wenig bedrohlich, aber immer zwingt sie mich, Bilanz zu ziehen und Antworten zu finden.

Vor ein paar Tagen kam die Frage zu Besuch in meine Praxis. Ich war mit einem Ehepaar um die 70 verabredet. Uns verbindet eine sehr ehrliche und herzliche Beziehung, seit ich Ihnen vor einigen Jahren aus einer tiefen Krise herausgeholfen habe. Seit jener Zeit kommen sie alle paar Monate in meine Praxis, um wichtige und schwierige Themen mit mir zu besprechen.
An diesem Montag waren wir verabredet, um über ihre verbleibende Zeit im Leben  zu sprechen. Was wollen wir noch tun? Wie und mit wem möchten wir die nächsten Jahre zusammen sein. Wie wollen wir leben?

Wie immer freute ich mich auf unseren gemeinsamen Erkenntnisprozess. Gemeinsam Antworten suchen, finden, wieder verwerfen, neu suchen, fühlen, ratlos und traurig sein und am Ende, wieder Licht sehen.
So verbrachten wir die Zeit von 11:00h bis kurz nach 12:00h. Lorenz, der Mann, suchte nach Projekten, hatte Angst, die falsche Wahl zu treffen und den Anspruch, etwas wirklich Wertvolles zu tun. Elisabeth, seine Frau, wollte lieber die Beziehungen zu ihren gemeinsamen Kindern pflegen und die Tage entspannt verbringen: Lesen, Spazieren gehen. Mit diesen einfachen Wünschen fühlte sie sich von Lorenz nicht gesehen und sogar verurteilt. „Wie kannst Du Deine Zeit so mit Unwichtigem vergeuden?, warf Lorenz Elisabeth vor. Stille im Raum. Die beiden fanden gerade keinen Kontakt zueinander.

Ich fragte Lorenz: „Stellen Sie sich vor, heute wäre Ihr allerletzter Tag auf der Erde. Es ist jetzt 5 nach 12. Heute um Mitternacht gehen die Lichter aus. Wie würden Sie den Tag verbringen?“
Ich stelle solche Fragen oft, aber meistens gebe ich mehr Zeit, mindestens 3 Monate bishin zu 5 Jahren. Die Dauer der verbleibenden Zeit bestimmt die Antwort mit, aber egal wieviel Zeit noch bleibt, der Effekt ist ähnlich: Um eine Antwort zu finden, überlegen wir, was uns wirklich wichtig ist.
Dass ich Lorenz nur 12 Stunden gab, das war auch für mich neu und geschah eher intuitiv. Ich war gespannt und dachte gleichzeitig nach, was ich tun würde.

Lorenz war einen Augenblick still, dann zog sich ein kleines Lächeln über sein Gesicht. „Als erstes würde ich versuchen, Elisabeth noch mal ins Bett zu kriegen.“ Elisabeth und ich grinsten, und ich fragte ihn: „Jetzt gleich?“ Er nickte. „Dann könnten Sie vielleicht nachher nochmal?“ „Oh, ich weiß nicht, ob das so schnell wieder geht.“ „Und dann?“ „Dann würde ich Kaffee trinken und ein leckeres Stück Kuchen essen…. Und später würde ich mich noch mit einem Freund auf ein Bier verabreden. Oh, dann ist es ja schon 8. Ich glaube, dann würde ich die Kinder anrufen und mich von Ihnen verabschieden…. Dann würde ich ins Bett gehen, und etwas lesen.“ „Was würden Sie denn lesen?“ „Nichts Philosophisches oder Schwieriges, vielleicht einen Roman, was mit Spannung.“ „Und dann möchten Sie sterben, während Sie lesen?“ „Nein, dann möchte ich einschlafen. Ich möchte es gar nicht merken“ „Dann wollen Sie die letzten beiden Stunden verschenken?“ „Sie sind gemein!“ “ „Ich weiß.“ Lorenz fing an, zu grinsen. „Vielleicht könnte Elisabeth mich noch mal verführen?“…. „Und dann möchten Sie in Elisabeths Armen sterben?“
Die Stimmung im Raum veränderte sich schlagartig. Alles Leichte war plötzlich verschwunden. Lorenz sagte: „Nein, ich muss alleine sterben. Ein Mann muss alleine sterben.“
Ich fühlte Tränen und spürte die unendliche Sehnsucht, sich jemanden so sicher zu sein, dass man sich (anver)trauen kann, an diesem Ort zu bleiben und sich aufgehoben zu fühlen.Ich kannte Lorenz Geschichte und wusste, wie sehr er sich nach diesem Aufgehoben sein sehnte, und wie schwer es ihm fiel, darum zu bitten. Ich wusste, dass er sich seiner Bedürftigkeit schämte und sich insgeheim dafür verurteilte. Er weinte, so wie ein Kind, das nie getröstet worden war. Ich hoffte, dass Elisabeth intuitiv verstand und ihn in den Arm nehmen würde, damit er sich geborgen fühlen könnte.
Elisabeth tat noch viel mehr. Sie war wohlwollend und schweigend Lorenz letztem Tag gefolgt. Als er begann zu weinen, stand sie auf, nahm ihn in den Arm und schaukelte ihn sanft bis er sagte, dass es nun genug sei. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Sessel, schaute ruhig in die Runde und schließlich zu Lorenz: „Du darfst in meinen Armen sterben. Ich kann für Dich da sein. Ich glaube, es wäre sogar ein Geschenk für mich. Wir haben soviel miteinander durchgemacht. Ich will für Dich da sein, und ich kann das auch.“

Was für ein berührender Moment für uns Drei. Das war Liebe. So eine Tiefe und Beruhigung. Wenn wir sicher wären, dass wir so geliebt, berührt und geborgen sterben könnten, wie Elisabeth es Lorenz erlauben wollte, müsste das auf unser Leben wirken. Wir müssten uns vielleicht weniger anstrengen, weniger großartig sein und bräuchten auch nicht nach dem Besonderen zu streben. Vielleicht würden oft die einfachen Dinge genügen. Den heutigen Tag leben, den Sinn heute spüren und Antworten für heute suchen. Natürlich würden wir diese Frage anders beantworten, wenn wir mehr Zeit hätten.

„Und“, frage ich Elisabeth, „was tun Sie an Ihrem letzten Tag?“ Elisabeth kichert: „Ich sehe mich vor dem Kleiderschrank. Ich suche etwas zum Anziehen.“ „Sie wollen schön aussehen am letzten Tag?… Und was haben Sie an?“ „Ich kann mich nicht entscheiden.“ „Dann müssen Sie wohl noch einkaufen gehen.“ Wir prusten los. Das verfolgt uns Frauen bis zum letzten Tag, wir haben nichts anzuziehen. Elisabeth lächelt: „Ich würde mir auch noch was Schönes für Drunter kaufen. Ich möchte an meinem letzten Tag auch mit Lorenz schlafen, nach all dem, was wir jetzt für uns entdeckt haben. Die letzten Monate waren so intim und nah, wie wir es lange nicht hatten.“ Lorenz drückt Elisabeths Hand. „Weiter bin ich an meinem Tag nicht gekommen, ich habe Lorenz zugehört, und ganz vergessen an meinen Tag zu denken. Und es ist ja irgentwie auch unser Tag.“

Auch ich war Lorenz Erzählung gefolgt, gleichzeitig hatte ich mich selbst gesehen. Wer schon mehrere Beiträge von mir gelesen hat, kann sich denken, dass ich mich in Hamburg am Unileverhaus sah. Gemütlich am Wasser mit einem Gläschen Rose. Warum es gerade dieser Platz sein muss, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil es neben Rose auch Cappucino und leckeres Eis gibt…. Als Lorenz vom Lesen sprach, fragte ich mich, was ich denn lesen würde und sah mich (das ist ziemlich peinlich) in der GALA blättern.
Ich habe mir schon oft überlegt, wie ich gerne sterben möchte. Bislang sah ich mich immer an einem Spätsommertag auf einem Deich. Vogelgezwitscher, vielleicht ein paar Schafe, die Sonne und eine leichte Brise. Bislang kamen in meinen Sterbephantasien nie andere Menschen vor, doch nach dem Erlebnis mit Lorenz und Elisabeth, fühlte ich, wie gut es sich anfühlen müsste, in den Armen eines geliebten Menschen zu sterben. Dann müsste man keine Angst mehr haben, könnte sich sicher und geborgen fühlen. Dann wäre alles halb so schlimm.

Lorenz unterbrach meine Gedanken. „Vielleicht könnten wir beim nächsten Mal noch über den allerletzten Sex sprechen? Ich habe noch ein paar Phantasien und Wünsche, aber ich traue mich nicht, mit Elisabeth darüber zu sprechen. Können Sie uns helfen?“ Elisabeth nickt: „Das ist eine gute Idee.“ Ich weiß, wie schwer es den beiden aufgrund ihrer Geschichte fällt über sexuelle Wünsche und Phantasien zu sprechen und freue mich auf unser nächstes Gespräch im Oktober. Ich bin sicher, dass wir alle Drei profitieren. Was für eine schöne und sinnvolle Arbeit.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dieser Beitrag ist für mich der bislang bewegendste und tiefgehendste hier in diesem Blog. Schon eine Hammerfrage: wie stelle ich mir die letzten Stunden/Minuten vor, wer ist denn da und wen sehe ich.
    Danke!

    • Christiane Jurgelucks

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie sind der einzige, der sich getraut hat, öffentlich zu werden. Ich habe für diesen Beitrag, die meisten Kommentare erhalten, aber alle über das Praxiskontaktformular. Für mich ist das ziemlich spannend, weil ich keine Ahnung habe, womit das zusammenhängt. Vielleicht haben Sie einen Tipp. Mich persönlich begleitet das Nachdenken über das Sterben schon seit meiner Kindheit. Vielleicht, weil mein Vater sehr krank war, und sein drohender Tod immer wie eine Wolke über dem Familienleben schwebte. Er ist leider nur 51 Jahre alt geworden, und ich habe gelernt, mein Leben immer wieder vor der Frage, könnte ich jetzt sterben, zu reflektieren. Leben ist das einzige Mittel gegen das Sterben.

  2. Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, dank der zeit-und grenzenlosen Vernetzung durch Google unberechenbar und somit meiner Kontrolle entzogen, was ich ja nicht so mag. Daher schütze ich mich mit meinem Pseudonym. Habe mich daher über die Anweisung „Name (Pflichtfeld)“ hinweggesetzt 🙂

    Eine nur leichte Annäherung an die Frage, ob ich jetzt [friedlich] sterben könnte, stößt einiges an bei mir: ich ahne, dass da einiges an Radikalität und Demut bei mir ausgelöst werden könnte. Ich fürchte hier erst recht Kontrollverlust und gehe daher jetzt erst mal flüchten…

    • Christiane Jurgelucks

      Vielen Dank, dass Sie sich nochmal Zeit genommen haben für diese Antwort. Sie haben Recht, das Internet ist Fluch und Segen zugleich, und wir wissen nicht wirklich, was mit unseren Daten geschieht.
      Trotzdem ist es für mich spannend, warum gerade das Thema Sterben besonders schützenswert ist. Ich persönlich kenne niemanden, der keine Angst vor dem Sterben hätte. Das finde ich auch beruhigend. „Zusammen ist man weniger allein.“
      Herzliche Grüße
      Christiane Jurgelucks

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