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Vom „klugen“ Umgang mit Affären und Dreiecksbeziehungen

Vor einigen Tagen hörte ich: „Frau Jurgelucks, ich mag Ihre Texte, und ich lese sie von Anfang an. Ich finde mich in fast jedem Beitrag wieder (Als Beweis hatte mein Klient einige ausgedruckte Beiträge dabei), aber es ist ja deprimierend! In den letzten Beiträgen konnten Sie nicht mehr helfen. Das muss doch frustrierend sein!“

Ich dachte nach: Stimmt, in den letzten Beiträgen berichte ich von Fallgeschichten, die nicht gut ausgingen, und man könnte meinen, dass Paar- oder Sexualtherapie oft keinen Sinn mehr macht. Aber dem ist selbstverständlich nicht so.

Ich schreibe meinem Blog nicht ausschließlich für Sie, den Leser oder die Leserin, sondern auch für mich, um über mein Erleben zu berichten, mir manchmal selber klar zu werden, und ich freue mich natürlich riesig über die Resonanz in den Therapiegesprächen, wenn mir Klienten berichten, wie sie die Texte zum Nachdenken oder zu einer neuen Erkenntnis angeregt haben. Dann weiß ich, dass Schreiben Sinn macht, und das hilft mir, auch in stressigen Wochen, Zeit für das Schreiben zu finden. Ihnen sei Dank.

Nichtsdestotrotz habe ich mir für heute vorgenommen, zwar über ein schwieriges Thema, aber diesmal auch über einen positiv verlaufenden Prozess zu schreiben.

Es geht um den klugen Umgang mit Affären und Dreiecksgeschichten.

Wenn ich klug schreibe, dann verwende ich dieses Wort bewusst und nicht ein Wort wie richtig, angemessen oder therapeutisch. Vielleicht wäre auch „weise“ ein schönes Wort, was der Arbeit und dem Umgang mit Dreiecksbeziehungen gerecht würde. Klugheit oder Weisheit beruhen auf (Lebens-)Erfahrungen und weniger auf Lehrbuchwissen, und so habe auch ich mir im Laufe der Zeit eine gewisse Klugheit im therapeutischen Umgang mit Affären angeeignet, die häufig im Widerspruch zur öffentlichen Anschauung und fachlicher Lehrmeinung steht.

In meinem Studium zur Paartherapeutin wurde vertreten, dass eine sinnvolle Paartherapie nur dann stattfinden kann, wenn die Außenbeziehung beendet ist, oder, wenn das nicht erreicht werden kann, zumindest „ruht“. Paare beziehungsweise der doppelt-gebundene Partner wurde gebeten, sich zu entscheiden.

Leider fallen diese Entscheidungen oft sehr schwer, sonst würden die betroffenen Personen ja keine Hilfe suchen. In der Regel sprechen viele Argumente dafür, in der Ursprungsbeziehung zu bleiben, aber es besteht oft auch Sehnsucht nach etwas Neuem und Lebendigen. Hin und hergerissen zwischen Sicherheit, Geborgenheit und Zughörigkeit sowie Risiko, Lebendigkeit und Lust, geraten alle Beteiligten in Entscheidungskonflikte, Gewissensnot und oft in die Unfähigkeit, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Insofern glaube ich, dass es nicht in Ordnung ist, solche Paare mit der Entscheidung allein zu lassen.

Am Anfang meiner therapeutischen Tätigkeit habe ich das allerdings anders gesehen. Ich bin den allgemeinen Empfehlungen gefolgt und habe demgemäß erwartet, dass die Außenbeziehung zumindest für die Zeit der Therapie ruht. Ich kann nicht sagen, dass dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt war. Es hatte einzig und allein zur Folge, dass über die Affären und den damit verbundenen unerfüllten Sehnsüchten im Therapieprozess nicht mehr gesprochen werden konnte.

Von der offenen Verletzung zum Tabu. Dadurch sind sehr wesentliche Gefühle, Sehnsüchte und Konflikte im Therapieprozess nicht mehr offen zugänglich. Die Therapiestunden wurden zur Alibiveranstaltung. Denn – auch wenn nicht gewollt – Menschen, die eine Affäre haben, können den anderen nicht vergessen. Die Sehnsucht hört nicht einfach auf, selbst wenn beschlossen wurde, keinen Kontakt zu haben. Das Gegenteil ist oft der Fall: Der oder die Geliebte wird überhöht, und häufig bleibt der oder die sich nicht entscheiden kann, dem Geliebten treu.

So habe ich festgestellt: Das, was eigentlich gut gemeint ist, wirkt nicht gut. Im schlimmsten Fall festigen „Verbote“ die neue Liebesbeziehung. Das habe ich wirklich oft erlebt.

Was also tun? Im Laufe meiner therapeutischen Tätigkeit habe ich natürlich mehr Sicherheit gewonnen, und so traute ich mich zunehmend andere Wege zu gehen. Und ich möchte an dieser Stelle allen Paaren danken, die mir dabei geholfen haben.

An eines erinnere ich mich besonders gerne. Zum ersten Termin kam der Mann allein zu mir. Er suchte Hilfe wegen Erektionsproblemen. Im Laufe der Zeit stellte sich allerdings heraus, dass diese Probleme nur der Anlass gewesen waren, meine Praxis aufzusuchen. Der Grund Hilfe zu suchen war Folgender: Seine Frau, mit der er schon einige Jahre verheiratet war und mit der er zwei Kinder hatte, hatte ihm eröffnet, dass sie mit einem anderen Mann „geknutscht“ hatte, so wie früher als Jugendliche mit Gitarre, ein bischen Alkohol und viel romantischer Stimmung. Mehr war noch nicht passiert, und ich schätzte das Verhalten der Frau zunächst als harmlos ein. Vielleicht brauchte sie eine kleine Insel in ihrem sehr anstrengenden Berufs- und Familienleben. Vielleicht eine kleine Auszeit.

Ich bat den Mann darum, auch mit seiner Frau einzeln sprechen zu können, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Und so machten wir es auch. Die Frau berichtete von ihrem Leben. Sie sei gefangen in den Ansprüchen ihres Mannes, denen der Gesellschaft, wie man als Mutter zu sein habe und schließilich auch in ihren eigenen. Sie könne und wolle nicht mehr, sie spüre sich nicht, sondern funktioniere nur.
Da ich selber eine Frau und auch Mutter bin, konnte ich ihr Erleben sehr gut nachvollziehen, und ich gönnte ich die kleine „Affäre“, warnte aber auch vor möglichen Folgen.

In den nächsten Terminen, die dann jeweils gemeinsam stattfanden, wurde dann allerdings das ganze Ausmaß ihrer Sehnsucht deutlich. Die „Knutscherei“ war nur der Auftakt gewesen. Sie wollte den Kontakt zum anderen Mann aufrecht erhalten. Sie genoss die Gespräche, das absichtslose Beisammensein und das Gefühl als Frau begehrt zu werden. Der Mann, den sie sich ausgesucht hatte, war weniger erfolgreich als ihr Mann, genau wie sie sehr naturverbunden, und sie fühlte sich leicht neben ihm, sie konnte sprechen wie ihr der „Schnabel“ gewachsen war. Sie fühlte sich auf Augenhöhe, etwas, was sie mit ihrem Mann nicht teilte.

Sie hatte beschlossen: „Jetzt bin ich dran. Und ich werde nicht aufhören damit.“

Gleichzeitig betonte sie aber auch, dass sie ihren Mann liebe, dass sie ihn auf keinen Fall verlieren wolle. Die Situation machte uns alle drei hilflos. Was tun? Ich hatte leider auch kein Patentrezept, nur so etwas wie Vertrauen, dass es gelingen könnte, wenn der Mann es schaffte, diese Krise und den damit verbundenen Schmerz auszuhalten. Ich traute ihm das zu, weil ich wusste, dass er seine Frau liebte und sie auf keinen Fall verlieren wollte.

So begannen wir einen Prozess, der für alle in dieser Form Neuland war. Es war möglich, intensiv am Paarerleben und an den Paarproblemen zu arbeiten, obwohl sich die Frau fast ein ganzes Jahr mit dem anderen Mann traf und schließlich auch intim wurde. Ihr Mann war emotional extrem gefordert, aber er schaffte es, offen für seine Frau zu bleiben, ohne den Schmerz zu unterdrücken oder gar zu verschweigen. Ich habe heute noch großen Respekt vor dieser emotionalen Leistung.

Im Laufe der Zeit gelang es zu den wesentlichen Paarproblemen vorzudringen. Sie hatte sich ihm immer unterlegen gefühlt, genauso wie ihrem Vater, der Führungskraft an einem bekannten Unternehmen war. Diese Gefühle übertrug sie auf ihren Mann und stellte unbewusst immer wieder  Situationen her, in denen sie die gleiche Erfahrung machte. Es war ein sehr berührender Moment, als sie ihm sagen konnte: „Ich fühle mich minderwertig neben Dir, ich kann mich nicht so gut ausdrücken, und es tut mir gut, Dich auch mal so schwach zu erleben.“ Beide weinten, und wie fast jedes mal nach einer Therapiestunde, hielten sie sich noch minutenlang im Arm. Ich konnte miterleben wie da etwas wuchs, was vorher nicht da gewesen war. Die Beziehung wurde gleichberechtigter und emotional offener zugleich aber auch verbindlicher.

Die Affäre begann unwichtiger zu werden. Die Frau fragte sich manchmal, warum sie sie noch aufrecht erhielt. Sie trafen sich weniger, und sie engagierte sich wieder mehr in ihrer Ursprungsbeziehung, auch sexuell. Beiden gelang mit meiner Hilfe, auch dieses Problem zu bewältigen. Durch die Erektionsstörung des Mannes hatte die Frau sich abgelehnt und nicht begehrenswert gefühlt. Sie hatte die sexuelle Funktion als etwas Natürliches gesehen, was wie Hunger immer da ist, aber nicht wie etwas Kultürliches, etwas, was wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen und im Laufe unserer Erfahrungen immer mehr verfeinern können.
Die beiden wurden mittlerweile gern und häufig erotisch intim, auch mit der Hilfe von Viagra. Sie lernte, dass seine Unsicherheit und Angst, zu versagen, auch durch ihr Verhalten mitbestimmt wurde, es aber nicht an ihrer Attraktivität lag.

So begleitete ich dieses Paar ein Jahr intensiv auf seiner Entwicklungsreise. Es geht ihnen gut. Natürlich ging dieses Jahr nicht nur glatt. Es gab Rückschläge, gebrochene Versprechen und manchmal nur Schmerz und Ohnmacht, aber ich würde behaupten: Diese Beziehung konnte durch die Außenbeziehung reifen und sich immens weiter entwickeln.

Interssanterweise verlor ich nie das Vertrauen, auch wenn ich diesen Fall Kollegen in der Supervision vorstellte. Fast jeder meinte, ich solle das Paar abgeben in die Einzelpsychotherapie, es solle erst mal jeder für sich herausfinden, was er oder sie will. Vielleicht ist das einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Paar- und Einzelpsychotherapie. Als Paartherapeutin sehe ich zwar den einzelnen, aber mein Klient ist das Paar, und das, was es miteinander tut.

Als ich heute morgen auf meinem Spaziergang über diesen Beitrag nachdachte, kam mir die Frage, woher ich eigentlich mein Vertrauen nehme, manchmal gegen jeglichen frachlichen Rat, und da fiel mir mein eigener biografischer Hintergrund ein und davon möchte ich Ihnen noch etwas erzählen:

Als junge Frau, geboren Anfang der 60ger Jahre, aufgewachsen mit Emanzipationsgedanken und dem Wunsch, Sexualität befreit zu leben, fand ich Treue zwar gut und erstrebenswert, aber oft nicht lebbar. So fand ich mich in der Rolle der Untreuen, der Geliebten, aber auch in der Rolle der Betrogenen.
Selbstverständlich fand ich nicht gut, was ich da manchmal machte, aber die Lust am  Erleben war oft größer als der Wert, sich immer angemessen zu verhalten. Sie kennen es vielleicht selbst: Oft macht das, was verboten ist, viel Spaß. Ich fühlte mich zu jung, um mich gleich zu binden, und natürlich wollte ich gerne einen Weg gehen, der möglichst konfliktfrei war. Dehalb verschwieg ich vieles, genoss und sagte nichts. Insofern kann ich Menschen gut verstehen, die in diesem Punkt nicht vertrauenswürdig mit ihrem Partner umgehen. Aber auch in mir gibt es den Wert der Ehrlichkeit und der Fairness, aber Ideal und Wirklickeit kamen manchmal nicht zusammen.

Im Laufe meines Lebens und wurde ich dann treuer und schließlich ganz schön treu.

Dann lernte ich einen Mann kennen, in den ich mich sehr verliebte, der aber mit sexueller Treue gar nichts anfangen konnte. Er machte sich nicht mal die Mühe, dieses zu verbergen. Jetzt war ich gefordert, darüber nachzudenken, was eigentlich wichtig in meiner Beziehung ist. Mir war ganz klar, dass Verbote und Diskussionen nicht helfen würden. Außerdem traute ich mich auch nicht, denn ich hatte Angst, dass er sich eingeschränkt fühlen würde und mich dann womöglich verließ, denn ich fühlte mich wirklich wohl und geborgen mit ihm.

So lernte ich, mich meiner Eifersucht zu stellen. Geholfen hat mir ein Traum, den ich hier aber nicht erzählen möchte. Das ist dann doch zu intim. Jedenfalls war ich danach fähig, offene sexuelle Untreue auszuhalten, ohne an mir zu zweifeln oder die Beziehung in Frage zu stellen. Ich lernte eine andere Art von Vertrauen kennen. Vertrauen, das nicht belügt, aber manchmal doch recht unbequem ist und dazu zwingt, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Wie das Leben so spielt, verlor mein damaliger Freund zunehmend das Interesse an anderen Frauen, aber das war nicht mehr so wichtig für mich. Einige Jahre später trennten wir uns aus anderen Gründen, und ich wurde – lange schon bevor ich als Paartherapeutin praktizierte – zu einer gefragten Expertin meiner Freundinnen in Bezug auf den Umgang mit Affären, Untreue und Eifersucht.

 

 

 

 

3 Kommentare
  1. Anonymous says:

    Liebe Frau Jurgelucks.
    Durch Zufall beim Teetrinken am Sonntagmorgen im Bett auf Ihre Website gekommen. Danke. Seit Jahren quäle ich mich mit diesem oben genannten Thema herum. Zwischen freiem Denken, das das Vorgegebene verlassen möchte u verlässt und dem gebundenen, dem der Tradition Verbundenem, das zuweilen auch seinen Sinn u seine Berechtigung hat.
    Es tut gut, diese klaren Worte aus dem Munde einer „Expertin“ zu hören, die einfach mal das Sichbewegen zwischen diesen facettenreichen Wegen benennt. Ohne moralisch zu sein u somit den damit verbundenen echten Suchwegen eine Realität zuzusprechen.
    So wohltuend. Danke.
    Mit herzlichen Grüßen.
    auf Wunsch anonymisiert

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    • Christiane Jurgelucks says:

      Liebe Leserin
      Vielen Dank für Ihre offenen Worte. Es freut mich sehr, wenn meine kleinen Texte wohl tun, manchmal provozieren und zum Nachdenken anregen.
      Herzliche Grüße
      Christiane Jurgelucks

      Antworten
  2. Frau Müller says:

    Liebe Christiane, ich bin zufällig auf Ihren Text gestossen, weil ich selber in der Zwickmühle stecke und mir Antworten erhoffe. Ich liebe sowohl meinen Geliebten als auch meinen Mann. Mein Mann hat kürzlich darüber erfahren. Wir sind gerade dabei herauszufinden, ob die Ehe noch eine Zukunft hat, sind uns bewusst, dass wir uns lieben. Für mich ist vor allem die heile Welt für unsere 2 Kinder wichtig und das ist der Hauptgrund, warum ich die Ehe aufrechterhalten möchte. Ich liebe meinen Mann, aber alles schreit danach, mich auf meinen Geliebten einzulassen. Nun möchte mein Mann einen Beweis, dass ich es ernst meine, meine Aussenbeziehung zu verabschieden. Vom Verstand her habe ich auch abgeschlossen, aber nicht vom Herzen her. Ich hoffe, wir bekommen es genauso wie in Ihrem Beispiel irgendwann hin. Ich sehe mich sehr mit der Frau im Text identifiziert. Vielen Dank für Ihre Zeit uns Lesern zum Nachdenken anzuregen. Ganz herzliche Grüsse

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