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Darf man das oder tut man das nicht? – moralische und gesellschaftliche Werte im Konflikt am Beispiel von Affären

Christiane Jurgelucks

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Klientin, die ein Frauen-Foto-Projekt plant. In diesem Projekt werden Frauen eingeladen, sich in den verschiedensten Rollen selbst zu inszenieren. Jede Frau könne sich überlegen, in welcher Rolle sie sich zeigen möchte und wie sie diese darstellt.

Während meine Klientin erzählt, schießt mir durch den Kopf, dass ich am liebsten keine Rolle einnehmen möchte, einfach ich-selber-sein. Aber natürlich ist das unrealistisch. Wir alle nehmen Rollen ein, füllen sie mehr oder weniger gut aus, manche davon freiwillig und andere werden uns zugeschrieben. Ich dachte an die vielen Rollen, die ich in meinem Leben schon eingenommen und ausgefüllt habe und welche ich freiwillig wieder aufgegeben habe. Meine Klientin und ich reden über den Unterschied, etwas zu tun oder eine Rolle einzunehmen oder gar zu verkörpern. Eine Rolle einnehmen kann Sicherheit vermitteln, wenn ich in meinem Leben Rollenvorbilder gehabt habe und damit gelernt habe, was man in dieser Rolle tut und was nicht.
Lächelnd muss ich an meine Anfangszeit als Therapeutin denken. Im ersten Jahr trug ich fast ausschließlich Blazer, weil die Therapeutinnen, die ich kannte, einen trugen. Diese (Ver)Kleidung gab mir Sicherheit und ließ mich leichter mit der anfänglichen Unsicherheit umgehen.
Mit der Sicherheit ist allerdings auch meist eine begrenzte Gestaltungsmöglichkeit verbunden. Wie würde es beispielsweise wirken, wenn ich mich als Therapeutin mit einem knappen Minirock präsentieren würde? Im positiven Falle würde es Anerkennung für meinen Mut geben, wahrscheinlicher wäre allerdings Irritation oder gar Ablehnung. Ein solches Verhalten bzw. Aussehen gilt nicht als therapeutenkonform. Dies nur als kleines Beispiel. Ich will hier den Kleidungsstil und das Auftreten von Therapeuten nicht weiter vertiefen, sondern auf mein eigentliches Thema kommen.

Dies hat damit zu tun, wenn Menschen eine ihnen zugedachte oder freiwillig übernommene Rolle und deren Regeln verlassen wollen, weil sie bewusst oder unbewusst spüren, dass diese Rolle nicht oder nicht mehr passt, sie stark einschränkt oder im schlimmsten Fall gar krank macht.

Rollen und deren Gestaltung haben immer mit dem gesellschaftlichen Kontext zu tun, in dem wir leben: „Andere Länder, andere Sitten“, heißt es ja so schön in dieser Redewendung. Das bedeutet, Rollen haben für unser Zusammenleben eine hohe Bedeutung. Sie helfen uns jemanden und eine Situation einzuschätzen und vermitteln Sicherheit im gesellschaftlichen Umgang. Für das Ausfüllen mancher Rollen ist Sicherheit elementar. Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Eltern sie beschützen und versorgen und dies nicht von ihrer aktuellen Stimmung abhängig nach Lust und Laune täglich neu entscheiden. Dennoch beinhaltet die Rolle der Eltern Gestaltungsräume, die individuell bestimmt werden können. Mit jeder Rolle sind also Verantwortung, Gestaltungsgebote, Verbote und Möglichkeiten verbunden. Unser gesellschaftlicher Kontext hat ein hohes Interesse daran, dass wir alle unsere Rollen einigermaßen gut ausfüllen. Wie wir das tun sollen, lernen wir in der Regel von unseren Eltern, in der Schule, im Umgang mit Ämtern, aber auch in unseren freundschaftlichen und intimen Beziehungen.

So können Sie sich denken, dass es auch für die Gestaltung unserer Liebesbeziehungen einen Rahmen gibt, in dem wir uns bewegen sollen und wollen, der größtenteils Sinn macht, da er uns Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, der aber auch manchmal auch zu eng wird wie ein altes Kleidungsstück.

In unserem gesellschaftlichen Kontext gilt weitestgehend ohne, dass dies einer besonderen Absprache bedürfte, das Treuegebot. Darunter verstehen wir zum einen erotische Treue im Wollen und Leben sowie emotionale Loyalität. Treue umfasst Vertrauen und Intimität: Ich teile mich Dir mit, mit dem, was mich beschäftigt.

Wie also gehe ich als Liebespartnerin damit um, wenn ich einen anderen Mann begehre oder mein Partner eine andere Frau? Wie ist es zu deuten und einzuschätzen, wenn ich mich traue, über meine Gedanken und Phantasien zu sprechen, sie mit meinem Partner zu teilen? Bin ich dann treu? Oder nicht? Oder bedeutet Treue, dass ich solche Gefühle, Gedanken gar nicht haben darf? Und wem bin ich denn eigentlich treu? Wem möchte ich treu bleiben? Dem Partner? Mir Selber? Meiner Rolle?

Eine Menge Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Verhalte ich mich gesellschaftlich konform, erfülle ich die Erwartungen, die meine Partnerin oder mein Partner an mich stellt oder die ich selbst an mich stelle? Oder traue ich mich in den Konflikt. Jedes gewählte Verhalten bedeutet Konsequenzen: Bleibe ich mir selbst treu und verhalte mich authentisch, dann kann dies ziemlich sicher andere Menschen verletzen und ihr Leben negativ beeinflussen. Lebe ich mit meinem Fremdbegehren erwartungsgerecht, dann kann dies mein eigenes Leben negativ färben.

In diesem Interessens- und Wertekonflikt leben Menschen, die eine Affäre leben.

Die Dreieckskonstellation führt nach anfänglicher Euphorie oft zu großem Leid. Schon lange wollte ich mal einen Blogbeitrag mit dem Titel „Drei sind oft einer zu viel!“ schreiben. Nun fließen Teilgedanken in diesen Text ein, allerdings weniger als Fallbeispiel, sondern im Kontext der Rollenerwartung.

In der klassischen Affäre gibt es drei Rollen zu verteilen: da ist der Betrüger oder die Fremdgeherin, gerne im Volksmund auch Schlampe genannt. Der betrügende – gesellschaftlich gesehen – untreue Mensch unterliegt einer klaren Wertung. Er oder sie tut etwas Verbotenes und hat deshalb die Moral schon mal nicht auf seiner Seite, dafür vielleicht aber das Vergnügen, weil er etwas Spannendes oder Lustvolles erlebt und dafür offen oder auch verdeckt beneidet wird. Ist der Betrüger männlich, darf er vielleicht auch noch auf Schulterklopfen und Bewunderung hoffen. Ein toller Hecht, der sich traut, etwas zu leben, was lustvoll verboten ist.
Ist die Betrügerin weiblich, dann wird es kein Schulterklopfen geben, auch nicht von Freundinnen, sondern eher einen Appell an die Vernunft: Denk an die Familie! Du zerstörst alles! Was soll aus den Kindern werden?“ Gesellschaftlich wird Frauen zugeschrieben, mehr an Beziehung als an Sexualität interessiert zu sein. Deshalb wird die weibliche Betrügerin oft besonders verurteilt, vor allem dann, wenn sie ihre sexuellen Bedürfnisse ohne Liebesgefühl auslebt. Das tut man bzw. frau einfach nicht! Wenn es die große Liebe wäre, dann könnte man es vielleicht noch verstehen…

In einem herrscht Einigkeit: Der oder die betrügt, hat Schuld, der oder die macht sich eines Vergehens schuldig, egal wie die Beziehung aussieht. Und dieses Schuldgefühl wiegt schwer. So sehe ich in der Praxis in der Regel keine lustvoll lebendigen Männer und Frauen, die sich uneingeschränkt über diese neue Erfahrung freuen können, sondern Menschen, die in einem tiefen Konflikt zwischen dem Versuch, ihrer Rolle als auch sich selbst gerecht zu werden, stehen. Fast immer taucht die Frage auf; „Darf ich das?“ Darf ich diese Lebendigkeit genießen? Darf ich aus Egoismus meine Ehe meine Liebesbeziehung gefährden? Darf ich meine Familie und meine Freunde da hineinziehen? Oder gar zerstören, wie es in besonders brisanten Konstellationen der Fall sein kann, wenn sich ein Mann in die Schwester der Ehefrau verliebt und beide diese Liebe auch leben und gestalten wollen.
Für letztere Konstellation winkt die Höchststrafe (Ächtung und Ausschluss und damit Einsamkeit).  Gleiches gilt für das Vergehen der Untreue unter Freunden. Dort wird nicht nur das Gebot der sexuellen Treue verletzt, sondern auch das Gebot der freundschaftlichen Loyalität gesprengt. Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass Beziehungen, die aus solchen Konstellationen hervorgehen, eine hohe Eingangsbelastung mitbringen, die ihrerseits nur durch ein hohes Liebesideal wieder ins Gleichgewicht gebracht werden können, wenn dies überhaupt gelingt.
Die Rolle des Betrügenden ist eine einsame. Er oder sie kann nicht offen sprechen, deshalb kommen so viele zur Beratung in die Praxis nach Karlsruhe oder Hamburg, so dass ich schon einmal überlegt habe, ob es nicht sinnvoll sein könnte, einen Rahmen anzubieten, in dem sich Betroffene angstfrei austauschen könnten.

Kommen wir zur Rolle der oder des Betrogenen: Gesellschaftlich gesehen haben wir hier ein Opfer. Es wurde betrogen. Vielleicht gab oder gibt es gute Gründe dafür, aber trotzdem tut man so etwas nicht! Der oder die Betrogene hat alle auf seiner oder ihrer Seite. Hier gibt´s keine Bewunderung und kein Schulterklopfen, sondern eine Schulter zum Ausweinen. Vielleicht auch Trost. Wir können helfen und haben Mitgefühl und hoffen, dass uns das nicht passiert. Das Opfer ist verletzt und fühlt sich vielleicht gedemütigt oder öffentlich beschmutzt, gerade, wenn im sozialen Nahraum gewildert wurde. Auf jeden Fall ist diese Rolle mit Angst, Wut, Ohnmacht, Fassungslosigkeit, manchmal aber auch mit Verständnis für das Verhalten des Partners verbunden. Das Opfer – vorausgesetzt es hält sich an die Regeln – hat die Sympathie. Es weiß, was richtig und was falsch ist und fordert häufig vom Betrüger, sich zu entscheiden und eindeutig zu sein. Damit Paar-Sein wieder gelingen kann. Ein Paar besteht aus „Zwein“ und nicht aus „Drein“. Zweideutigkeit statt Eindeutigkeit macht Angst.
Was passiert aber mit Betrogenen, die einen differenzierten Blick wagen, die verstehen wollen, die trotz allem weiterlieben wollen, gesprächsbereit sind und die das Verhalten des betrügenden Partners zwar verletzt, die aber nicht urteilen? Sie ernten Unverständnis: Wie kannst Du das zulassen? Der oder die demütigt dich doch! Mach dich nicht zum Affen! Du musst ihn oder sie verlassen! Hast Du denn gar keinen Stolz? Über all diese vermeintlichen Hilfestellungen klagen Betrogene, die hinschauen möchten, die lieben möchten aber stark verunsichert sind. Sie finden in diesen gut gemeinten Worten keine Hilfe, weil diese Worte Dokumente „Schwarz-Weiß-Denkens“ sind und keine Spielräume lassen. Je gefährlicher eine Situation, desto weniger Spielräume. Wenn es ernst ist, wird nicht gespielt.
Ein Betrogener muss seine Ehre wieder durch konsequentes Verhalten bzw. zumindest die Forderung danach, wieder herstellen, sonst dreht sich die Meinung und die damit verbundene Unterstützung in Kopfschütteln: „Du hast ja selber Schuld!“
Die Rolle des Betrogenen lässt oft kein differenziertes Betrachten zu, vor allem dann nicht, wenn dies auch noch mit starkem Leidgefühl einhergeht. Ich könnte Ihnen dutzende Fallbeispiele nennen, aber das würde eindeutig die Länge dieses Textes sprengen. Betrogene, die hinschauen wollen, auch sie kommen in die Beratung. Und dort beschäftigen sie sich noch mit einem anderen Thema. Sie fragen sich: „Warum habe ich nichts gemerkt? Kann ich mir überhaupt selbst noch vertrauen? Kann ich meiner Wahrnehmung trauen? Ist das alles, was wir oder ich erlebt habe jetzt nicht mehr wahr, mein oder unser Leben eine Lüge? Mit dieser Frage, sofern öffentlich geteilt, macht man sich nicht beliebt. Denn wir Zuhörenden müssten uns ja die gleiche Frage stellen. Sind wir denn intim und treu mit unserem Partner verbunden? Gibt es vielleicht Geheimnisse, von denen wir nichts wissen? Sehr unbequeme Fragen: Da fällt es leichter, eine eindeutige Verurteilung auszusprechen. So was macht man nicht! Wo kämen wir hin, wenn wir die Eindeutigkeit von Schuld aufweichten?

Zum Schluss die Rolle der oder des Dritten: Ganz eindeutig, wenn ungebunden, wahlweise rücksichtslos, egoistisch, in weiblicher Ausprägung entweder Schlampe oder gutgläubiges „Naivchen“, auf jeden Fall moralisch verwerflich.
Gäbe es diese Person nicht, dann gäbe es keine Probleme. Er oder sie hat sich hereingedrängt. Wenn er oder sie sich zurückziehen würde, dann würde es vielleicht übermorgen kein Problem mehr geben, und die (Paar)Welt wäre wieder in Ordnung. Aber stattdessen hat sich der oder die Dritte vielleicht auch verliebt oder er oder sie empfindet „nur“ ein erotisches Feuerwerk, genau wie der untreue Mensch auch…dennoch beschäftigt sich auch der Dritte mit der Frage: „Darf ich mich in eine Beziehung einmischen? Darf ich sie gar gefährden? Wenn es mich nicht gäbe, dann gäbe es womöglich weniger Leid?“ Dagegen steht der Wunsch, diese Erfahrung zu leben. Der oder die Dritte hat wenig Zuspruch, denn sie lebt im Geheimen. Er oder sie wird in der Regel auch nicht in die Paartherapie eingeladen. Wenn es gut läuft, dann wissen alle drei Beteiligten voneinander. Häufiger ist dies aber nicht der Fall und der Dritte steht unausgesprochen als „Dunkle Macht“ mit im Raum, ohne dass er oder sie konkret werden darf. Der oder die Dritte wird auch mir gegenüber verheimlicht, zu groß ist die Angst vor Verurteilung und einseitiger Parteinahme. Auch diese unbegründete Angst ist ein Grund, dass ich solche Beiträge schreibe. Wenn der Dritte geheim bleibt, dann ist Paartherapie unmöglich, eine Alibiveranstaltung. Dennoch ist es möglich konstruktiv mit Dreierkonstellationen zu arbeiten. Ich habe ja vor längerer Zeit „Vom klugen Umgang mit Affären“ dazu geschrieben.
Weil die dritte Person oft nicht konkret werden darf, ist sie die Person in der 2.Reihe, von der erwartet wird, dass sie dort auch bis zur endgültigen Klärung bleibt. Sie hat keine Rechte und ist darauf angewiesen, dass sie bei Scheitern der Primärbeziehung durch „Offiziellmachen“ rehabilitiert wird. Oft geschieht dies aber nicht. Wir alle kennen die Geliebte, die jahrelang wartet, aber niemals geheiratet wird, weil zwar die Stunden miteinander schön sind, sie die Rolle der Ehefrau aber nicht ausfüllen wird. In der Ehe wollen wir doch schließlich Treue!
Und aus meiner Praxiserfahrung kann ich sagen: Je länger eine Affäre, Nebenbeziehung oder doppelte Bindung geführt wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Grundlegendes ändert. Alle drei sind in einem Kommunikations- und Verhaltensmuster aneinander gekettet, das wenig Freiraum lässt und mit der Zeit immer mehr Leid verursacht. Wahrscheinlich sind Affären deshalb ein sehr häufiges Thema innerhalb der Paartherapie, sowohl in Hamburg als auch in Karlsruhe.

Ich selbst habe im Laufe meines Lebens in allen drei Rollen Erfahrungen gesammelt, deswegen fällt es mir leicht, Paare dort abzuholen, wo sie stehen, und jedem mein Mitgefühl und Verständnis zu schenken. Ich urteile nicht, auch wenn ich Menschen und ihre Beziehungen darin unterstützen möchte, dass sie sich Raum für Treue zueinander und zu sich selbst ermöglichen können. Das ist aber oft ein hochkomplexer Verhandlungsprozess, sofern nicht beide sowieso schon die gleichen Bedürfnisse haben. Wie dieser Prozess aussehen kann, ist von Paar zu Paar verschieden, und nicht immer kann er mit einem Kompromiss abgeschlossen werden, zumal wir ja in einem Kontext leben, der nicht jedes Erleben und Verhalten gleichberechtigt als mögliche Vielfalt des menschlichen Seins begrüßt. Es ist ja kein Zufall, dass wir Menschen der Loyalität und Bindung bedürfen, um uns gut entwickeln zu können, aber wir bedürfen auch der Freiheit und Autonomie, weil wir uns selbst und unsere Identität spüren wollen. Die vollständige Symbiose ist nur im Babyalter sinnvoll, danach beginnt das Ringen um das richtige Maß an Bindung und Autonomie. Eine Affäre bedient beide zutiefst menschlichen Bedürfnisse. Das sich gebunden fühlen bei gleichzeitiger Frei- und Unabhängigkeit. Wahrscheinlich sind aus diesem Grunde Affären so häufig, obwohl sie nicht sein sollen. Weil sie aber sind, gibt es sogar für etwas, das nicht sein soll, gesellschaftliche Regeln und rollenkonformes Verhalten. Sehr spannend wie ich beim Schreiben gemerkt habe. Wir können unsere Rollen nicht einfach verlassen oder wechseln: denn wo die eine aufhört, da beginnt die andere.

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